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| copyright Die Welt/Juli 2001 Josef Engels |
Was bleibt: Ein paar unkaputtbare Stücke
"Year of the Horse": Rock und Kino ist gleich "Rockumentary" - Jim Jarmusch hat sich nun an Neil Young und Crazy Horse versucht
Doch, Rock 'n' Roll ist wie Kino. Größer als das Leben. Und auch lauter, aggressiver, trauriger, schöner. Um beides, Rock und Kino, vermeintlich noch schöner und trauriger zu machen, wurde irgendwann mal eine eigene filmische Kunstform ersonnen. "Rockumentary" hieß sie. Sie verband auf recht unterschiedliche Weisen Bühnenshows, johlendes Publikum, Interviews. Viele halten in dieser Hinsicht den Woodstock-Film für sehr gelungen. Andere favorisieren "Gimme Shelter", die Dokumentation des desaströsen Auftritts der Rolling Stones 1969 in Altamont, wo der Rock unwiderruflich durch die Messerstiche eines Hell's Angel seine Unschuld verlor. Wenige (aber beileibe nicht die Schlechtesten) schwören auf Rob Reiners "This is Spinal Tap", die schön zotige Persiflage auf alle Rockumentarys dieser Welt.
"Year of the Horse", Jim Jarmuschs Rockumentary-Versuch an Neil Young und Crazy Horse, fängt viel versprechend an. Im Geiste Spinal Taps nämlich. Also ziemlich witzig. Bisher weitgehend unbekannte Aufnahmen sind da zu sehen. Zugekiffte Spät-Hippies zünden 1976 einen Blumenstrauß auf dem Tisch im Hotel an. Er brennt so gut, dass die Musiker ihn nur unter Einsatz aller verfügbaren Flüssigkeiten löschen können. Das Hotelpersonal findet das überhaupt nicht lustig. Ist es aber, weil Rock 'n' Roll auch immer was mit Kindergarten zu tun hat. 1986 fragt ein Journalist den damals 40 Jahre alten Neil Young, wie das so ist mit dem Alter. Young sagt: ganz gut. Und lässt unversehens seinen Kopf auf die Tischplatte donnern.
Fein, denkt man, der Chef-Lakoniker Jim Jarmusch ist der Richtige für Neil Young. So wie umgekehrt Youngs überirdisches Gitarrengrummeln 1995 das absolut Richtige für Jarmuschs metaphysischen Western "Dead Man" war. Der Rockstar bat damals daraufhin den Regisseur, ein Video für das Stück "Big Time" zu drehen. Das Ergebnis gefiel ihm so gut, dass er sich auch einen abendfüllenden Film zur "Year of the Horse"-Tour 1996 wünschte. Jarmusch packte Super-8- und 16-mm-Dokumentarfilmkameras ein, filmte die Shows in The Gorge bei Washington und im französischen Viennes, interviewte die Band in einer heruntergekommen Waschküche, montierte das alles zusammen mit altem Filmmaterial - und machte ein handelsübliches Rockumentary, das Fans lieben werden. Und alle anderen wahrscheinlich ratlos zurücklässt.
Ohne Frage, die rauen Super-8-Aufnahmen der in voller Länge belassenen Live-Stücke sind das kongeniale Abbild von Neil Youngs ungehobeltem, jenseitig genialischem Gitarrenspiel. Da wirkt alles so grob und konfus wie die bedröhnte Aufnahmefähigkeit, die man für gewöhnlich als Besucher eines solchen Gigs hat. Schön auch, wie die Band beim Schamanentanz gegen Ende der Show (und des Films) gezeigt wird und Young als irrer Prophet eine oberschenkeldicke Altarkerze dem Publikum präsentiert: It's better to burn out than to fade away.
Ausgebrannte Klischees reiht Jarmusch aneinander, wenn er die Konzertmitschnitte durch Überblendungen mit geisterhaft wandernden Wolken, grobkörnig aufgenommenen Gesichtern der Konzertbesucher á la Turiner Leichentuch und Impressionsschnipseln aus dem Tourbus optisch aufwerten will. Aus den Stücken werden so durchschnittliche Videoclips. Und aus Jarmusch ein bloßer Fan-Tourist, der zeigen will: Seht, ich war hautnah dabei, bei den Jungs, bei der Band.
Nur einmal fällt der Regisseur hübsch aus der Rolle. Wenn er Young bei einer ziemlich langweiligen Busfahrt das Alte Testament auslegt. "Weißt du, das ist der Teil der Bibel, in dem Gott stinksauer auf die Menschen ist." Mehr davon hätte die Dokumentation, die über weite Strecken wohl so etwas wie eine Apotheose des heiligen Neil und seines verrückten Pferds sein will, vom hohen Ross geholt.
Auch die Interviews mit der Band über Rock, Tod und Kreativität scheitern meist. Und werden nicht besser dadurch, dass Jarmusch dem Gitarristen Frank "Poncho" Sampedro insgesamt viermal die Gelegenheit gibt, seinen Unmut über die Dreharbeiten zu bekunden. Wie sagt Poncho so schön: Da kommt so ein Arty-Farty-Regisseur daher, der pseudocool mit zwei, drei Fragen den jahrzehntelangen Wahnsinn von Crazy Horse einzufangen gedenkt: Das kann einfach nicht klappen. Tut's auch nicht. - Was bleibt von "Year of the Horse" sind sehr gute, unmittelbare Konzertbilder. Und unkaputtbare Stücke. Der Rest ist Rockumentary, manchmal so klein wie das normale Leben.