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copyright Tagesspiegel/Juli 2001 Christian Schröder

"Year Of The Horse"

Hu-u-ff-ff, Ur-rr-rr-ff, Blurr-rr


Heldenverehrung: Jim Jarmusch hat einen Film über Neil Young gedreht

Wale gelten als besonders musikalische Tiere. Es sind ultratiefe, für das menschliche Ohr kaum wahrnehmbare Töne, mit denen sich die Meeresriesen über kilometerweite Distanzen hinweg verständigen: ein betörender Gesang jenseits der Stille. Schon Tiervater Brehm war beeindruckt: "Das ,Blasen' größerer Wale ist weithin hörbar. Zuweilen wird dabei ein eigenartiges Stöhnen oder Schüttern wie beim lauten Schnarchen hörbar. Man könnte dieses Blasen mit dem Geräusche vergleichen, unter welchem aus einer langsam anziehenden Lokomotive der Dampf entweicht, nur ist es um vieles gedehnter und klingt, je nach Art der Tiere, wie ,hu-u-ff-ff', ,ur-rr-rr-ff' oder ,blurr-rr.'"

Hätte Alfred Brehm statt im 19. im 20. Jahrhundert gelebt, wäre er wahrscheinlich Neil-Young-Fan geworden. Dieses eigenartige Stöhnen und Schüttern, Geräusche wie von einer anfahrenden Lokomotive, ein heulend zerdehntes Hu-u-ff-ff, Ur-rr-rr-ff und Blurr-rr: Man kann es auch auf den Platten des Kanadiers hören. Kein anderer Musiker hat die Möglichkeiten, mit sechs Stahlsaiten und einem Verstärker Töne zu erzeugen, ähnlich radikal ausgeschöpft. Youngs Gitarre, durch Effektgeräte und Verzerrer gejagt, kann jaulen wie ein Schakal, brüllen wie ein Löwe, singen wie ein Walfisch. Mit dem Stoizismus eines buddhistischen Mönchs veröffentlicht Young seit mehr als dreißig Jahren Alben, die entweder vorwiegend akustische Balladen (zuletzt: "Silver And Gold") oder Krachcollagen von mitunter freejazzartiger Abstraktion ("Ragged Glory") enthalten. "They all sound the same", brüllt ein Zuhörer auf dem 1997 erschienenen Live-Album "Year Of The Horse". Und Young entgegnet: "It's all one song". Wahrscheinlich ist das schon das ganze Geheimnis des Neil Young. Er spielt immer wieder denselben Song. Aber es ist jedes Mal ein anderer.

Die Szene aus dem Konzert fehlt in Jim Jarmuschs Film "Year Of The Horse", der mit vierjähriger Verspätung nun auch in die deutschen Kinos kommt. Jarmusch ist bekennender Neil-Young-Fan, das weiß man, seitdem er seinen Western "Dead Man" mit den brüchigen Akkorden des Altmeisters unterlegte. Die Fan-Haltung ist dem Dokumentarfilm in jeder Einstellung anzusehen: Es geht nicht um Enthüllungen, hier wird ein Denkmal aufgesockelt. "Mir gefällt Material, das authentisch ist. Neil Young ist dafür ein gutes Beispiel", sagt Jarmusch. "Die Form ist nicht so wichtig, wichtig ist das Herz. Ich mag Dinge, die sich echt anfühlen, die etwas von innen her ausdrücken, ich mag keine Oberflächen."

Die Rede vom "Authentischen" gehört zu den hartnäckigsten Klischees der Rock'n'Roll-Exegese. Aber was heißt das, authentisch? Ist ein Song, der mit Folkgitarre und Mundharmonika gespielt wird, automatisch "authentischer" als einer, der aus dem Computer kommt? Jarmusch neigt, was den Rock'n'Roll angeht, zu konservativen Ansichten: Er mag eher die Mundharmonika-Songs, der Mainstream ist ihm verhasst. Deshalb hat er sich bemüht, seinen Film möglichst billig aussehen zu lassen. Gerne benutzt er riesig aufgeblasene Video- und Super-8-Bilder, um seinem Film etwas von der rauen Körnigkeit zu geben, die er an Youngs Musik so schätzt. Und weil die Kamera bei den Konzertaufnahmen meistens wackelt, hat man mitunter tatsächlich das Gefühl, nicht im Kino, sondern in einer Rock-Arena zu sitzen.

Jarmusch-Filme sind immer auch Road-Movies. "Down By Law" erzählte von einer Chain-Gang-Flucht durch die Sümpfe, "Night on Earth" spielte in wechselnden Autos, "Ghost Dog" war die Reise eines Kontraktkillers in den eigenen Untergang. "Year Of The Horse" zeigt den Alltag eines Rockstars und seiner Band als Never Ending Tour: Mittags in irgendeinem Hotel aufwachen, im Bus zum nächsten Ort, dann das Konzert, danach im Bus ins nächste Hotel. Einmal wird Youngs Bassist Billy Talbot gefragt, in welcher Stadt sich die Band gerade befinde. "Schwer zu sagen, ich bin so müde", antwortet Talbot und kratzt sich am Kopf. "Ich glaube, dass wir in Frankfurt sein könnten." Jarmusch hat Neil Young und seine Band Crazy Horse 1996 bei ihrer "Year Of The Horse"-Tournee durch Amerika und Europa begleitet, greift aber auch auf älteres Dokumentarmaterial zurück. In einer großartigen Montage blendet der Film mitten im Feedbackintro von "Like A Hurricane" - vielleicht Youngs schönstem Song - in einen Konzertmitschnitt von 1976 zurück, ein Sprung über 20 Jahre. Neil Young im Zeitraffer: Dem Sänger mögen inzwischen schon die Haare ausfallen, aber sein Lied ist kein bisschen gealtert.

You are like a hurricane: Was Jarmusch an seinem Idol liebt, ist genau dieser Furor. Auch mit 55 Jahren ist Neil Young noch immer ein zorniger junger Mann. Auf der Bühne gibt er den unbeugsamen Rock'n'Roll-Rebellen. Im zerschlissenenen T-Shirt und mit abgeschnittenen Jeans hüpft er hinter seinem Mikrofonständer auf und ab, als würden ihm die Stromstöße, die er durch seine Gitarre jagt, direkt in die Glieder fahren. "I'm still livin' the dream we have", singt er dazu mit seiner berühmten Fistelstimme. Das sieht grotesk aus, ist aber natürlich auch großartig. Seit dreißig Jahren tritt Young mit seiner Band auf, mit koketter Bescheidenheit nennt er sich "Guitarplayer in the Band Crazy Horse". Gitarrist Danny Whitten starb 1972 an einer Überdosis Heroin, eine Woche nachdem Young ihn aus der Band geworfen hatte. Schuldgefühle? Jarmusch fragt nicht nach. Neil-Young-Fans werden "Year Of The Horse" mögen. Jim-Jarmusch-Fans warten auf seinen nächsten Spielfilm.