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| copyright Berliner Zeitung/Juli 2001 Claus Loeser |
Das fünfte Mitglied der Band
"Year of the Horse" dokumentiert die musikalisch-filmische Symbiose zwischen Neil Young und Jim Jarmusch
Neil Young verkörpert ein pop-historisches Phänomen. Er ist eine der wenigen überlebenden Flower-Power-Legenden und hat sich über die Jahrzehnte hinweg stilistisch immer wieder gewandelt, ohne dabei in modische Beliebigkeit abzudriften. Verehrung schlägt ihm heute generations- und genreübergreifend entgegen. Seinen Songs kann man in Marihuana-schweren Club-Kellern ebenso begegnen wie auf Trucker-Partys; sie werden inzwischen auch als Hintergrundberieselung im Supermarkt benutzt. Welchem Genre Neil Young auch immer frönt - er tut es stets mit Leib und Seele, ob es sich nun um Country, Folk, Blues, Soul, Rock n Roll oder elektronische Experimente handelt.
Neil Youngs heimliche Liebe zum Kino stand bisher weniger im Zentrum des öffentlichen Interesses. Dabei produziert seine Firma "Shakey Pictures" bereits seit Mitte der 70er-Jahre Konzertfilme. Mit "Human Highway" (1982) liegt sogar ein Spielfilm vor, bei dem Neil Young unter dem Pseudonym Bernard Shakey selbst Regie führte und neben Dennis Hopper, Dean Stockwell sowie den Mitgliedern der Avantgarde-Rockband DEVO auch eine Hauptrolle spielte. Im Kino präsent war Neil Young zudem immer wieder durch diverse Soundtracks. Für den Titelsong von "Philadelphia" (1993) erhielt er sogar eine Oscar-Nominierung. 1995 komponierte er die konsequent reduzierte, doch Stil-prägende Musik zu Jim Jarmuschs kafkaeskem Western "Dead Man" - das war der Beginn einer wunderbaren Künstlerfreundschaft. "Year of the Horse", das greifbarste Ergebnis der Zusammenarbeit von Young und Jarmusch, startet nun mit vierjähriger Verspätung in den hiesigen Kinos. Spät kommt dieser Film, doch er kommt. Immerhin.
Den inoffiziellen Titel "Godfather of Grunche" verdankt Neil Young seiner seit 1969 andauernden Zusammenarbeit mit der Band "Crazy Horse". Mit Ralph Molina, Billy Talbot und Frank "Poncho" Sampedro stand er auch 1996 während seiner Tournee auf den Bühnen Amerikas und Europas. Mit von der Partie: Jim Jarmusch, seine handliche Super-8-Kamera stets bereit. Jarmusch wurde gewissermaßen zum fünften Mitglied von "Crazy Horse". - Der Filmemacher benutzt die mittlerweile antiquierte Amateurkamera selbst wie ein Instrument; er begibt sich mitten hinein in das Young sche Klanggewitter aus Rückkopplungen, Gitarrensoli und melancholischen Songpassagen. Jarmuschs Respekt vor der Musik gebietet ihm, die einzelnen Stücke in "Year of the Horse" in voller Länge auszuspielen und nicht bloß kurz anzureißen (Letzteres übrigens das Übel der meisten Musikfilme). Sein Inszenierungsstil kommt dem Gestus von Neil Youngs Musik sehr nah: geradlinig, ohne modischen Firlefanz. Die Konzertfragmente werden durch älteres Archivmaterial aus den Jahren 1976 bis 1986 und Interviews ergänzt. Sowohl in den Gesprächen als auch in den Liveausschnitten vermittelt sich das hohe Maß an künstlerischer Seelenverwandtschaft zwischen den Musikern. Sie sind keine Dienstleister, sie ziehen nicht routiniert "ihr Ding" durch - jeden Abend stellt die Band vielmehr testamentarisch die eigene Glaubwürdigkeit zur Disposition. Leiseste Schwingungen werden gegenseitig wahrgenommen und bauen sich zu Interferenzen auf, die ihre Energien schließlich in gewaltigen Eruptionen entladen.
Es macht Spaß, diese nicht mehr jungen Männer bei ihrer Arbeit zu beobachten. In schlichte T-Shirts und Jeans gekleidet, schlecht rasiert und mit Haaren, wie sie eben so wachsen, beweisen sie mehr Präsenz, als dies ihre weitaus jüngeren Rock n Roll-Kollegen in computergestützten Shows vermögen. Statt auf Stroboskoplicht und Laserkanonen vertrauen "Crazy Horse" auf wenige Scheinwerfer und Kirchenkerzen. "Year of the Horse" konzentriert sich ganz auf die Musik, auf ihre Originalität. Auch die zwischengeschnittenen Interviews sind dem Prinzip Klang untergeordnet. Selbst wenn sich Neil Youngs Vater Scott (in Kanada übrigens ein namhafter Autor und Sportjournalist) vor der Kamera äußert, geht es vor allem um die Musik - um ihren familiären Charakter. Nähkästchengeplauder über private Zusammenhänge bleiben ausgespart. (Wer auf Klatsch erpicht ist, sollte auf Scott Youngs Buch "Neil and me" zurückgreifen.)
So erweist sich "Year of the Horse" als Musikfilm im besten Sinne des Wortes, der seinen Platz in der Filmgeschichte neben Klassikern wie "Stop Making Sense" (mit den Talking Heads) oder Laurie Andersons "Home of the Brave" finden wird. Wie alle wirklich interessanten Filme ist "Year of the Horse" allerdings nicht jedermanns Sache. Wie war doch seinerzeit das Motto: "It s only Rock n Roll. But we like it."