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| copyright Wiener Zeitung/Mai 2006 Bruno Jaschke |
Young, Neil: Living With War
Neil Young rechnet ab - Über "Living With War", das angriffslustige Album des Kanadiers
Dass George W. Bushs Umfragewerte aktuell im Keller liegen, ändert nichts an der Tatsache, dass dieser umstrittene Politiker in die Reihe jener US-Präsidenten eingeht, die in ihrem Amt bestätigt wurden. Die Wahl 2004 war auch der erste reale Test der politischen Potenz von Popmusik, und er fiel vernichtend aus. Wenn die Opposition eines Bruce Springsteen, Amerikas am meisten ernst genommenen Songschreibers, eines ausgewiesenen Patrioten wie John Mellencamp, von Superstars wie R.E.M. oder Pearl Jam nichts gegen einen angeschlagenen, global wie im eigenen Land heftig kritisierten George Bush auszurichten vermag, dann wird es Zeit, die Illusion zu verabschieden, Pop habe auch nur das winzigste Mandat gegen globale Missstände.
Neil Young, seit jeher ein begnadeter Trotzkopf, wollte und will das augenscheinlich nicht wahrhaben. Er erinnerte sich an die Tradition des Protestsongs eines Bob Dylan oder Phil Ochs und auch seiner eigenen Vergangenheit, als er in "Ohio" auf die Erschießung von vier Studenten der Kent State University Bezug nahm, spielte mit Bass, Schlagzeug, Trompete und einem hundertköpfigen Chor zur Begleitung seiner oft gegen die Stimme anlärmenden Distortion-Gitarre in drei Wochen zehn Songs ein und stellte sie zuerst auf seiner Website, dann auf jener seiner Plattenfrima Reprise gratis ins Netz. Dass die Platte jetzt im traditionellen CD-Format vorliegt, ist eigentlich nur mehr Zugabe; der Hauptteil der Show ist, mit ihrerseits recht lärmiger Begleitmusik, bereits gelaufen.
Dass Neil Young just jetzt draufkommt, dass mit der Steuerung des Landes, das er als gebürtiger Kanadier seit 40 Jahren bewohnt, etwas im Argen liegt, darf schon verwundern. Es wundert übrigens auch die andere Seite, aber in ihren Argumenten geht‘s nicht um eine sagenhaft lange Leitung, sondern um "Vergesslichkeit" und "Amnesie". Das jedenfalls wirft John Gibson, prominenter Moderator des regierungstreuen TV-Senders FOX, Neil Young vor: Er tue so, als sei 9/11 nicht passiert – was besonders kurios ist, denn Young äußerte sich ursprünglich zustimmend zu dem auf die Anschläge folgenden, die Bürgerrechte einschränkenden "Patriot Act" – und spiele die Gefahr durch den Terrorismus herunter.
Vom Zeitpunkt abgesehen, greift alles, was gegen Neil Youngs neue Platte "Living With War" und die dahinterstehende Geisteshaltung vorgebracht worden ist, ins Leere, so der extra lächerliche Vorwurf des Aufmerksamkeit-Heischens. "Living With War" ist eine heftige Attacke gegen Präsident Bush – genauer: die heftigste, die bisher von einer Person öffentlichen Interesses kam – aber ist weder sinnnoch hirnlos.
Es hat durchaus seine Richtigkeit, wenn Young "Living With War" mit einer originalgetreuen Version von "America The Beautiful" abschließt und in Interviews seinen Stolz betont, Amerikaner zu sein und sein Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben zu können. Dass er nicht die Werte (oder den Mythos) Amerikas in Frage stellt, sondern die Art seiner gegenwärtigen Verwaltung, nimmt Gegnern den starken Wind aus den Segeln, den Argumente wie "Nestbeschmutzung" oder "Vaterlandsverrat" entfachen könnten. Das Erste, was ein amerikanischer Systemkritiker zu absolvieren hat, ist die Pflichtübung in Sachen Patriotismus.
Der spektakulärste Song auf "Living With War", auch musikalisch sehr schnittig mit einer offensiven Trompete eingeleitet, fordert die Absetzung Bushs: "Let‘s Impeach The President". Wer hat alle diese Verbrecher angeheuert, fragt Young, und die Fakten so verbogen, bis sie so passten, dass unsere Leute in den Krieg geschickt werden konnten? Das nachfolgende "Looking For A Leader", der Amerika an der Hand nimmt und aus dem Sumpf führt, ist gewissermaßen die positive, konstruktive Seite einer Vision, an deren Ende, dramaturgisch klar als Utopie angelegt, "America The Beautiful" steht.
Erstaunlicherweise hat "Living With War", von Young apodiktisch von jeglichem Innovationsdruck befreit, trotz gewohnt grobkantiger Rock-Basis eine gewisse Leichtigkeit. So, als ob sich die Schnelligkeit der Produktion auf die Musik übertragen hätte. Dass Referenzen an eigenes und fremdes Lied- und Gedankengut vorkommen, liegt nachgerade in der Natur der Sache. "Flags Of Freedom" klingt solchermaßen wie eine Mischung aus "Powderfinger" und dem in letzter Zeit öfters paraphrasierten Klassiker "Chimes Of Freedom" des hier auch nominell erwähnten Bob Dylan. Und dass sich gleich der Opener "After The Garden" in eine Reihe mit Young-Klassikern wie "Soulfinger" oder "Like A Hurricane" einreiht, ist nur würdig und recht.