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copyright Die Welt/9. Mai 2006 Uwe Schmitt

Gitarren zu Schwertern
"Living With War": Neil Young hat ein schlechtes Album gegen George Bush und den Irak-Krieg gemacht


Als vor Wochen die ersten Gerüchte durch das Internet geisterten, Neil Young habe in aller Eile und Stille ein Antikriegs-Album aufgenommen, das zur Amtsenthebung Präsident Bushs aufrufe, verlustierten sich die üblichen Verdächtigen. In der Hängt-ihn-höher-Fraktion der Rechten, für die Kriegsmüdigkeit Hochverrat bedeutet, wurde die Deportation des Kanadiers empfohlen, der seit vier Jahrzehnten in den USA lebt. Auf der Linken, die einen ihrer frühen Lieblinge("Ohio") seit seinen Minnediensten für Ronald Reagan in den achtziger Jahren ("Hawks & Doves") als Verwirrten, jedenfalls Vertrauensunwürdigen, führte, gab es zuckende Umarmungsreflexe. Young lieferte bald die Bestätigung des Projekts für "Powertrio mit Trompete und 100 Stimmen", in leicht ironischer Verneigung vor Phil Ochs und Bob Dylan, "Metal Folk Protest?"

Nun ist "Living With War" in der Welt, als kostenloses Streaming auf seiner Webseite www.neilyoung.com zu haben, zehn Songs in einer Endlosschleife. Gestern erschien die CD in den USA. Und die pazifistische, bushverachtende Linke Amerikas kann den abermals geläuterten Renegaten wieder getrost in die Arme schließen. Seit er 1970 mit Crosby, Stills und Nash den vier erschossenen Anti-Vietnam-Kids an der Ohio State University den eiligen, ewigen Moritaten-Song widmete, hat Young sich nicht mehr so wütend und indiskret geäußert. Es ist, als müsse er tätige Reue üben für seine Unterstützung von Bushs "Krieg wider den Terror". Buße für "Let's Roll", seine liebesblinde Hommage an die Widerstandshelden des Fluges United 93, Buße für die Verteidigung des "Patriot Acts": "Ich glaube, es ist in Ordnung, zum Schutz der Freiheit für kurze Zeit auf einige Rechte zu verzichten."

Noch 2005, als ihn die Erfahrung von Todesnähe (nach einer Operation an einem Blutgerinsel im Gehirn) in weiche Stimmung versetzte, gerührt auf seine Kinder, seine Frau, seine Gitarre, seinen Gott schauend, schien dem Mann mit der herrlich-häßlichen Fistelstimme und dem Hang zu den schrägsten Gitarrensoli im Business nichts ferner zu liegen als Tagespolitik. Damals hatte er Angst, "vom Angesicht der Erde" zu fallen, und schuf in aller Hast eine Ode an das Leben, die zu seinen stärksten Arbeiten seit Jahren zählt.

Jonathan Demme filmte in Nashville die Wiederauferstehungskonzerte des Sechzigjährigen. "Heart of Gold" hat mit "Living With War" nur gemein, das Young unberechenbar bleibt. Man mag das dem alten Countryrocker als Kompliment antragen, wie es Anfang der neunziger Jahre in dem Titel "Pate des Grunge" mitschwang. Es kann auch das Erstaunen bezeichnen, wie gleichgültig dem Künstler nicht nur Kommerzialität, sondern auch Klasse ist. Neil Young kann jäh auffliegen und abgrundtief fallen. In "Living With War" ist er meist im Sturzflug.

Dabei verspricht "After the Garden", der erste Song, noch viel. Das Powertrio, neben Young mit seiner verzerrten Gitarre Chad Cromwell am Schlagzeug und der E-Bassist Rick Rosas, eröffnet mit hartem Session-Rock. Und der Sänger bleibt mit Zeilen wie "Won't need no Purple Haze" im poetischen Bereich. Aber schon der Titelsong reimt "tidal wave" auf "mass grave", behauptet, daß der Ichsänger sich nie den Gesetzen der "Gedanken-Polizei" gebeugt habe und findet ihn für den Frieden betend.

Der gewaltige Chor und der einsame, (absichtsvoll?) schief blasende Trompeter Tommy Bray umstellen den Prediger wie Jünger und lassen ihn kaum mehr allein. Leider. In "Restless Consumer" zetert Neil Young über die Pharma-Werbung als sei sie ein Anschlag al-Qaidas. "No need!" ruft der Chor, "No more lies", sekundiert Young. Er braucht also weder Lügen, noch "Schwindel, Übelkeit, Durchfall". Eine Nebenwirkung des Songs ist die peinliche Nähe zur Selbstpersiflage.

Das mittlere Tempo der Songs verändert sich nicht mehr nennenswert. Die Botschaft siegt über die Musik, deren Unfertigkeit, sonst bei Young oft ein Kunstgriff, bald zu ärgern beginnt. In ein paar Tagen ein ganzes Album aufzunehmen, war zur frühen Zeit der Beatles für eingespielte Rock 'n' Roll-Bands die Norm. Heute kann es dem erstarrten Luxusbetrieb, in dem Jahre an Alben gefeilt wird, Live-Kreativität abringen. Aber Neil Young will diesmal nur ein Agit-Prop-Vehikel für seine Tiraden, er liefert Leierkastenmusik. Zu der einförmig groben Band laufen Texte, deren Unverschlüsseltheit schmerzt. "Die Geschichte war eine grausame Richterin von Übermut" singt er in "Shock & Awe". Mag sein, aber durch verbrauchte Metaphern wird es nicht besser. Wie steht es mit "Tausende Kinder, entstellt fürs Leben / Millionen Tränen für Soldatenleben"?

So geht es weiter. Furchtlos, zornig, mit der Pamphletpoesie eines Demonstrationsaufrufs. "Flags of Freedom" verneigt sich so tief vor "Chimes of Freedom" und erwähnt auch noch "Bob Dylan singing in 1963", daß der Copyrightanteile verlangen könnte. Bei "Impeach The President" verschneidet Young kriegerische O-Töne von George W. Bush mit seinem Aufruf, ihn aus dem Amt zu jagen. Wegen Lügens, (zynischen) Lächelns, Hijacking und Irreführung Amerikas.

Prompt will er als guter Gastpatriot Ersatz anbieten. Im nächsten Song "Looking for a Leader" überlegt er, ob es diesmal eine Frau werden könnte oder endlich ein Schwarzer. Sogar Colin Powell kann er sich vorstellen, wenn der das Amt nutzte, "um in Ordnung zu bringen / was er angerichtet hat". Amerika sei schön, singt Neil Young, aber es habe eine häßliche Seite. Tatsächlich. Bei der Aufnahme des Schlußsongs "America the Beautiful" sei, so Chormitglieder, kein Auge trocken geblieben.

Zum Weinen finden kann man die Naivität und den Kunstverzicht, die "Living With War" selbst denen zumutet, die Youngs Zorn teilen. Selbst Furchtlosigkeit ist ihm diesmal schwer zu attestieren. Das Album kommt zwei Jahre zu spät, um Mut zu verlangen. Ein kriegsmüder Mainstream hat humpelnd den Protest-Sänger überholt. In gewissem Sinn kommen Bushs Glücklosigkeit und absinkende Umfragewerte einer Amtsenthebung nahe. Amerika lebt mit dem Krieg, schlecht und noch eine Weile. Neil Young hat das gemerkt.