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copyright Spiegel/Mai 2006 Andreas Borcholte

Neil Young - "Living With War"

Man wird sich ja wohl noch korrigieren dürfen: Nach dem 11. September ließ der Kanadier Neil Young die patriotischen Muskeln spielen und unterstützte den kriegstreibenden US-Präsidenten mit der Hymne "Let's Roll". Andere Musiker, darunter Steve Earle und die Dixie Chicks, setzten sich derweil mit Anti-Buch-Äußerungen- und -Songs in die Nesseln. Mittlerweile nähert sich das Kriegs-Trauma Vietnam-Ausmaßen und das Bush-Bashing ist zum Mainstream geworden. Fast exakt 36 Jahre nach "Ohio", seiner hymnischen Reaktion auf die Todesschüsse auf dem Campus der Kent State University, geht der 60-jährige Young also kein Risiko ein, wenn er auf seinem neuen Album fordert, Bush aus dem Amt zu jagen. "Let's Impeach the president" fordert Young tatsächlich im gleichnamigen Song, gefolgt von dem Pamphlet "Lookin' for A Leader". Angeblich hat der Grunge-Pate das gesamte Album in wenigen Tagen zusammengehauen, nachdem er im Fernsehen die Särge einiger im Irak gefallener Soldaten gesehen hat - und so klingt es auch: Roh und direkt, oft unfreiwillig peinlich in seinen rhetorisch ungeschminkten Protestliedern. Ebenso unverstellt wird Bob Dylan zitiert ("Flags of Freedom") und am Ende "America the Beautiful" gesungen, samt wimmerndem Chor. Neil Young hat an Bush geglaubt, hat gemerkt, dass er belogen wurde, ist wütend geworden und hat seinen Zorn in zehn Songs kanalisiert, die zum Besten gehören, was er seit Ende der Siebziger veröffentlicht hat. Zugegeben, das ist nicht weiter schwer. Ebenso leicht ist es jedoch, ihm, der einst Reagan unterstützte, dann gegen Bush Senior pöbelte, um dann dessen Sohn zu feiern, Opportunismus vorzuwerfen. Man "Living With War" vielleicht einfach als das nehmen, was es ist: Die sympathisch unkalkuliert herausgerockte Momentaufnahme eines alten, unberechenbaren Grantlers.