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copyright Intro/Mai 2006 Felix Scharlau

Neil Young
Living With War



Bush hat den schlafenden Riesen geweckt. Und er muss schwer dafür büßen. Neil Young ist aus der Distanz betrachtet ja der Inbegriff des Stop-and-go-Aktivists. Und meldet er sich dann alle paar Jahre mal für oder gegen etwas zu Wort, bezieht er äußerst verwirrende Positionen. Mit dem schrecklichen Pathetik-Song “Let’s Roll” schrieb er vor einigen Jahren die Quasi-Hymne für den Patriot Act. Und stellte dabei mitnichten nur ein entgleistes 9/11-Trauma zur Schau, wie viele Fans zunächst hofften. Nein, Young war tatsächlich für den Patriot Act, wie er in der Folge nicht müde wurde zu betonen. Jetzt aber reicht es selbst ihm. Patriotismus generell: ja; Krieg und somit Bush unter diesen Umständen: nein. So offenbar die aktuelle Position des Kanadiers zu seinen USA (die übrigens in Interviews auch nicht sehr viel präziser ausfällt). In zehn Songs brüllt Young sich jetzt die Wut von der Seele: “Don’t need no ad machine / Telling me what I need”, “Don’t need no more lies!” oder schlicht “Let’s impeach the president”, lässt er wissen. Wie gesagt: Er war noch nie der kanadische Noam Chomsky.[ad] Und dennoch: Wer Young jemals für seine Direktheit in der Ansprache, seine Radikalität und Einfachheit im Sound zu schätzen wusste, der wird mit “Living With War” nach einer Reihe enttäuschender Alben (und zwar gerade diejenigen mit Crazy Horse) unverhofft in bessere Zeiten zurückkatapultiert. Davon zeugen schon die Produktionsumstände dieser Platte – in knapp 14 Tagen wurde das Album Ende März, Anfang April aufgenommen und abgemischt, seit Anfang Mai ist es bereits im Handel. Wer dabei Schludrigkeit fürchtet, dem sei gesagt: Schludrigkeit und Zeitdruck sind die Quellen, aus denen Young einst seine besten Momente zog. Gab es nicht mal die Legende, Young sei in den 70ern mit Filmriss in einem Hotel aufgewacht, unter ihm raschelt Papier, und er entdeckt die drei Songs, die er letzte Nacht im Vollrausch geschrieben hat? Es waren, glaube ich, “Cortez”, “Like A Hurricane” und “Powderfinger”. Oder so ähnlich. Egal. Tatsache ist: Neil Young wurde endlich mal wieder gefordert. Ohne Crazy Horse, aber mit Crazy-Horse-Sound prügelt er seine kollabierende Gretsch-Gitarre durch zehn Stücke, die dank zahlreicher Gastmusiker durch Mariachi-Trompeten und Chöre mit hymnischen Ornamenten geradezu gespickt sind. Im Ergebnis liegt das beste Neil-Young-Rockalbum seit fast 15 Jahren vor uns. Seit “Ragged Glory” und dessen fulminanter Live-Umsetzung “Weld”. Muss ich noch deutlicher werden? Meinetwegen: Gegen “Living With War” klingt das neue Album der angeblichen Young-Ziehkinder Pearl Jam wie eine verrostete Gießkanne. Haben die es denn immer noch nicht verstanden? Rust never sleeps.