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| copyright DiePresse.com/Mai 2006 sam |
Neil Young: Living With War
Rock-Veteran: Heftige Attacke auf George Bush
US-Präsident Bush und seine Regierung haben das amerikanische Trauma 9/11 breitflächig für ihre politischen Zwecke genutzt. Wer in den USA eine abweichende Lesart der Ereignisse vertritt, läuft Gefahr, schnell als Defätist verunglimpft zu werden. Das weiß auch Neil Young, der mit seinem Song "Let's Roll" der Zivilcourage der Passagiere des Fluges UF-93, das nahe von Pittsburgh abstürzte, ein Denkmal setzte. Viereinhalb Jahre danach präsentiert der wackere Mann sein erstes komplett politisches Album. Die Mehrzahl der zehn Songs handelt von den gravierenden Folgen der US-Invasion im Irak auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf das tägliche Leben des Normalbürgers. Der Kanadier, der seit vielen Jahrzehnten in Kalifornien lebt, entgegnet Vorwürfen, dass seine Kritik unpatriotisch wäre, damit, dass er zum Ausklang einen 100-köpfigen Chor inbrünstig "America The Beautiful" singen ließ.
Dazwischen hisste Young in ungewöhnlicher Besetzung - nur Schlagzeug, Bass und eine einsame Trompete begleiten ihn - die "Flags Of Freedom" im harschen Wind der Gegenwart. Im rüden "The Restless Consumer" wie im rasanten "Shock and Awe" mahnt er einen Sinneswechsel bezüglich Kriegspolitik ein, in "Families" verweist er darauf, dass diese gesellschaftliche Zelle keine amerikanische Erfindung, sondern eine internationale Konstante ist.
Die erwarteten Breitseiten gegen Bush heißen "Lookin' for a Leader" und "Impeach the President". Mit brüllenden Gitarrenriffs, heroischen Trompetenstößen und schneidender Stimme will Young jenen eine Stimme geben, die keine Lobby haben. Die Kritik, er wolle mit Populismus bloß noch mehr Alben verkaufen, wies er in einem TV-Interview bestimmt zurück. Dabei nannte er seine Liedersammlung ein "Album of Unification" - und lobte die USA: "Hier kann man auch mit Menschen die eine andere Meinung haben, das Brot brechen."