zurück zur Übersicht

Artikel drucken  

copyright Die Welt/August 2002 Matthias Heine

Da rockt der Sufi
Fragen Sie Ihren Arzt oder Neil Young: Navid Kermani erzählt, wie sein Baby endlich zu weinen aufhörte


Jeder weiß, dass dies hier das Nirgendwo ist. Ein Satz, wie ihn Leute mitbringen, die zu den tiefsten Stufen mystischer Trance hinabgestiegen sind. Aber auch ein Satz, wie er auf einer Schallplatte von 1970 mit weinerlicher Stimme durch einen kanadischen Sänger und Gitarristen namens Neil Young vorgetragen wird: "Everybody knows this is nowhere". Diese lyrische Koinzidenz allein genügte aber noch nicht, um den in Köln lebenden deutsch-iranischen Islam-Wissenschaftler Navid Kermani dazu zu bringen, zwei augenscheinlich weit voneinander abgelegene Forschungsgebiete miteinander erkenntnisgewinnbringend zu vergleichen. Es musste erst die Grenzerfahrung erster Elternqual hinzukommen: Als Kermanis neugeborene Tochter unter jenen Blähungen leidet, die die Medizin harmlos "Drei-Monats-Koliken" nennt, stellt sich zufällig heraus, dass einzig die Musik Youngs das Baby zu beruhigen vermag. Dies ist der erzählerische Ausgangspunkt für den Roman-Essay "Das Buch der von Neil Young Getöteten", in dem der 35-Jährige mit nicht zu bremsendem Interpretationsfuror die Themen untersucht, von denen er offensichtlich am meisten versteht: Neil Young und die islamische Mystik.

Man wird einwenden, dies sei nicht gerade das, worauf die Welt gewartet hat. Aber worauf wartet schon die Welt? Auch so eine Frage, die zu spiritueller Versenkungen einlädt. Einleuchtend an Kermanis erzählerischem Nexus von Geburt, Sufismus und Krypto-Grunge-Rock erscheint, dass sowohl die Vaterschaftsfreude als auch die mystische Verzückung von Unbeteiligten oft als milde Formen temporären Schwachsinns belächelt werden. Und Neil Young-Fans sind ja ebenfalls die Verständnislosigkeit ihrer Umwelt gewohnt.

Ausgehend von der zunächst noch ganz harmlosen Erkenntnis, dass die Tochter durch die Frequenzen des nasalen Timbres im Lied "Last Trip to Tulsa" angesprochen wird, versteigt sich Kermani zu immer kurioseren und unterhaltsameren Welterklärungsmodellen. Seine an der wissenschaftlichen Textanalyse trainierte Subtilität befähigt ihn beispielsweise, in den surrealen Versen von "Last Trip to Tulsa" ein Echo jener Geworfenheitsgefühle zu erkennen, die er auch seiner Tochter unterstellt.

So geht es fort. Spätestens bei "Helpless", wo Young das Titelwort so hartnäckig wiederholt wie ein Meditationsmantra, schlägt er dann die Brücke zu Hassan al-Basri, laut Kermani "der godfather des Sufismus, wie es im Popjargon hieße." Der hatte einem Mann, der ihn nach seinem Befinden fragte, geantwortet: "Was meinst du denn von Leuten, die mit einem Schiff ausgefahren sind, die aber, nachdem sie mitten auf dem Meer waren, Schiffbruch erlitten haben, so dass sich jeder von ihnen an einer Planke festhält. Mein Zustand ist schlimmer als ihrer." Sie wären also "Helpless, helpless, helpless..."

Kermani arbeitet sich aber nicht nur an der Youngschen Poesie ab, sondern auch an der Musik. Noch den scheinbar dahingeschleudertsten Gitarrenakkord vermag er als Nachhall der höhnischen Sphärenmusik eines reichlich sinnlosen Universums zu deuten - und gleichzeitig als Akt autonomer Sinngebung. Und all dies ist der Soundtrack des Menschenlebens, zumindest des Lebens von Navid Kermani: Von der schmerzlichen Sinnlosigkeit alles überragender Liebeserfahrungen bis hin zur Todesgefahr des Vaters nach einer Herzoperation.

Wer sich auf derartige Spekulationen einlassen möchte, findet auch noch Wege zum Weiterwandern, die Kermani selbst nur weist, aber nicht beschreitet. Etwa als er das ziemlich freiformal dahinkrachende Album "Arc" zu Recht in die Nähe von Jazz rückt und psalmiert: "Nicht an die Apokalypse gemahnt Arc, wenn schon an ihr Danach oder das Davor der Schöpfung." Doch auch Kermani gesteht, "Arc" noch nicht oft in voller Lautstärke und Länge gehört zu haben: "Die Komposition erfordert einen Grad der Konzentration, den aufzubringen ich selten die Kraft und die Muße habe." Das alles - die Verklärung des Krachs als transzendent ebenso wie das Versagen des Hörers angesichts der Herausforderungen - erinnert an Kollektivimprovisationen aus den Sechzigern wie John Coltranes "Ascension".

Gesucht, gefunden. Kermani zitiert schließlich, wie Young den Zustand beschreibt, in dem er sich beim Musikmachen befindet: Von der Hyperventilation über die Orientierungslosigkeit bis zum Gefühl, einen "euphorischen, kosmischen Orgasmus erlebt zu haben", klingt dies wie die Berichte von Mystikern über ihre Trance. Obendrein ist Young auch noch Epileptiker - ein Menschenschlag, der von Plato bis Dostojewski für mystisch begabt angesehen wurde. Kermani ist das fast ein bisschen zu plump, er berichtet es spät und beiläufig.

Den Titel verdankt das Buch eine weiteren Analogie: Kermani stieß auf eine Handschrift namens "Das Buch der vom Koran Getöten", welche Mystiker verzeichnet, die den Koran gehört haben und darüber gestorben sind. "Ich hatte das Gefühl, genau zu wissen, was gemeint war. Zu der Zeit hörte ich Down By The River, und das zog mir jedes mal das Herz zusammen, bis ich für eine Zehntelsekunde meinte, ersticken zu müssen."

Kermanis Tochter wird sich solchen Gefahren nicht mehr aussetzen. Sie wandte sich irgendwann von Neil Young ab und wurde schon als Kleinkind zu einer ganz normalen Frau - die können selten etwas mit seinem Werk anfangen. "Das Buch der von Neil Young Getöteten" wird gewiss auch niemanden bedrohen. Große Literatur hat zwar die Fähigkeit, den Leser auch für die abseitigste Minderheiten zu interessieren. Doch Kermani wird wohl nicht einmal alle Young-Fans hinter sich scharen. Die Bereitschaft, in einem Gitarrenakkord das Gras wachsen zu hören, ist Voraussetzung für den Genuss.

Navid Kermani: Das Buch der von Neil Young Getöten.