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| copyright Tagesspiegel/April 2003 Kai Müller |
Tödliche Schönheit
Warum Neil Young der Mystiker der Rockgeschichte ist. Ein Gespräch mit dem Young-Verehrer Navid Kermani
Herr Kermani, ist Neil Young ein Mystiker?
Gewiss doch, jedenfalls wenn er mit Crazy Horse auftritt. Wenn die Musiker in ausufernde Gitarren-Improvisationen hineingetragen werden und die stetige Wiederholung, Variation und Zerstörung des immer gleichen Motivs und der Verfall der Liedstruktur eine Situation herstellen, in der sie am Ende nicht mehr wissen, welchen Song sie gerade spielen. In den besten Momenten von Crazy Horse finden die Musiker zur alten Ordnung nicht mehr zurück, weil sie vergessen haben, wo sie sind.
Neil Young erzählt, dass ihn die Wirklichkeit oft erst in Form eines Verstärkers einholt, gegen den er taumelt. Wird Musik so zur Trance-Technik?
Neil Young beschreibt diesen Zustand nicht mit religiösem Vokabular. Es gehört auch kein Gott zu der Erfahrung des Mystikers, in etwas anderem aufzugehen. Neil Young will eine Stimmung treffen, eine bestimmte Klangfarbe, die sich erst zeigt, wenn alle anderen Farben verschwunden sind.
Wie macht er das?
In der Rockmusik steuert der Gitarrist meist auf einen Höhepunkt zu, den Jimi Hendrix und Eric Clapton durch technische Virtuosität erreichten. Neil Young besaß solche Fertigkeiten nie, er war immer viel zu langsam. Und da er kein Gitarrenkünstler ist, arbeitet er mit Sound, treibt seine Musik in die Breite und zerreibt sie. Auf Außenstehende wirkt das schrecklich monoton und langweilig. Aber das ist eine musikalische Struktur, die sich in vielen mystischen Traditionen findet.
Rockmusik als religiöser Akt?
Nun, man darf die Analogien nicht übertreiben. Die Erfahrungsberichte der Mystiker eignen sich aber, um zu beschreiben, was in den besten Konzerten Neil Youngs passiert. Sie übersetzen das Aus-Sich-Hinausgetragen-Werden nicht in einen rationalen Diskurs, sondern in paradoxe Bilder wie das schwarze Licht, die Farbe des Wassers. Neil Young wären solche Vergleiche vermutlich fremd, zumal er von jeder Theorie unbefleckt scheint. Er ist auch nicht sehr gebildet in dem Sinne, dass er studiert hätte oder sich wie Lou Reed mit avantgardistischen Theorien auseinander setzt. Trotzdem hat er ein extremes Bewusstsein von seiner Welt und von dem, was er macht, und er drückt es in einer einfachen, klaren Sprache aus.
Deshalb hält man Neil Young für einen ziemlich grobschlächtigen Kerl. Dass er der Erleuchtung entgegengeht, steht ihm nicht gerade ins Gesicht geschrieben?
Er redet über die musikalische Ekstase manchmal wie über seine Epilepsie. Er leidet ja unter dieser Krankheit, die immer auch als thea mania, als „göttlicher Wahnsinn“ identifiziert wurde. Die Medikamente hat er abgesetzt, weil er deren Nebenwirkungen nicht erträgt. Die Anfälle erlebt er als Horror vacui: „Das einzige, was einem Angst macht, ist die Erkenntnis, dass man sich vollkommen wohl fühlt in dieser Leere.“ Der Gedanke, wie faszinierend das Nichts ist, erschreckt ihn so sehr, dass er aufwacht. Epilepsie ist durch die gesamte Zivilisationsgeschichte hindurch, von Platon über Cäsar bis Dostojewski, als höhere Auszeichnung empfunden und pathologisiert worden. Gewöhnlichen Menschen war dieses Außer-Sich-Geraten immer suspekt, da es an etwas rührt, was allen anderen verschlossen bleibt.
In der griechischen Mythologie gibt es die Figur des Pan. Er ist der Geliebte der Götter und eine Art Über-Musiker. Im Olymp ist er allen Konkurrenten überlegen, weil seine Gabe sich an das Ohr wendet, dem Sinnesorgan, das sich am wenigsten schließen lässt.
Ich wüsste nur zwei zeitgenössische Rockmusiker, bei denen es sich genau so verhält: Bob Dylan und Neil Young. Sie können einfach nicht aufhören. Rockmusik hat ja das Problem des Alterns, weil es eine junge Musik ist und aus dem Impuls der Jugend hervorgeht. Rockmusiker sind entweder gestorben, verstummt oder sie machen heute Werbung für den VW-Golf. Doch bei diesen beiden, die noch nach mehr als 30 Jahren eine einzige endlose Tournee absolvieren, ist das Alter nur zu einem physischen Problem geworden. Neil Young hat ein schweres Rückenleiden, und seine Ohren sind kaputt. Sein Körper setzt ihm Grenzen, aber man hat nicht das Gefühl, dass er ausgepumpt wäre. Das wird auch nicht passieren.
Sind Sie sicher?
Natürlich wird er schlechte Alben machen oder entsetzliche Irrwege gehen. Trotzdem wird seine Kreativität immer wieder einen Schub bekommen. Irgendwann wird es ihn aus der Rock-Generation hinausgetragen haben, so dass es nur noch um die Musik als solche geht. Ich stelle mir vor, dass er sich als 70-Jähriger auf bestimmte Klänge und Themen konzentriert und seine Musik immer reiner wird. Nicht, dass er am Ende erleuchtet wäre. Aber er wird bestimmte Erfahrungen noch klarer erleben als vor 30 Jahren.
Können Sie in Neil Youngs Werk eine Entwicklung erkennen?
Oh, ja. Ich finde nicht, dass die frühen Aufnahmen mit Crazy Horse, mit denen er sich 1969 zusammen tat, dieselbe Intensität haben, wie, sagen wir, die Konzerte der „Year of the Horse“-Tour 1996. Sie hatten etwas anderes, und auch das ist wunderbar: nämlich den Enthusiasmus der ersten Rock'n'Roll-Generation, die Gitarren in die Hand bekam und einfach drauflos drosch. Später, als die Band ihre Instrumente zu beherrschen gelernt hatte, hat Neil Young dieses Unfertige des Garagen-Rocks zu bewahren versucht. An „Ragged Glory“ soll er mehrere Wochen lang herumprobiert haben, um sich am Ende doch für die erste Aufnahme zu entscheiden. Anders wäre er nie zum Ziel gelangt. Er musste diese Arbeit investieren, um herauszufinden, dass die ursprüngliche Fassung nicht zu verbessern war.
Im Gegensatz zu vielen anderen Rockmusikern fällt es schwer, die Karriere Neil Youngs in verschiedene Episoden zu unterteilen.
Es gibt zwei Motive, die sich durch sein Leben, seine Musik und seine Texte ziehen. Das eine ist der Sugar Mountain, das vergangene Paradies, dessen Existenz er besingt, obwohl er es selbst nie erlebt hat. Dabei feiert er etwas Verlorenes, sei es das indianische Amerika oder das Farmland des Wilden Westens. „A homeland we've never seen“, wie es in „Pocahontas“ heißt. Es geht nicht darum, sich diese Vergangenheit zurück zu wünschen. Sie ist schlicht ein Gegenentwurf zur Gegenwart, obwohl manche konservative Äußerung und mancher allzu gemächliche Song ebenfalls aus diesem Impuls stammen. Das zweite Motiv lautet Rust Never Sleeps, womit er seinem nostalgischen Bedürfnis einen tief verwurzelten Glauben in den Fortschritt entgegensetzt. So war „Rust Never Sleeps“ nichts anderes als eine Ankündigung dessen, was er die nächsten zehn Jahre machen würde – mit Rockabilly, Country und Elektronik zu experimentieren. Es erschienen nur noch Genre-Alben, über die alle gestöhnt haben, bis auf die Hartgesottenen. Aber um das Bild weiß zu bekommen, musste er alle anderen Farben abtragen.
Gibt es einen Song, in dem er die Gegensätze zusammenbringt?
„Tonight' The Night“ wäre so ein Song, und zwar in der Version seiner 1996-Tournee. Darin besingt er den Tod seiner Band-Mitglieder Bruce Berry und Danny Whitten. Gleichzeitig ist es ein absolutes Nach-Vorne. Der Tod der Freunde quält ihn, denn er kommt nicht darüber hinweg, dass er Danny Whitten wegen dessen Drogenproblemen aus der Probe geschmissen hatte, bevor dieser sich am selben Abend eine Überdosis verpasste. Er bleibt immer wieder an der Zeile hängen: „Als ich den Telefonhörer abnahm ...“ Die Hiobsbotschaft behält er für sich. Auf der Bühne geschah etwas Eigenartiges: Alles, was Vergangenheit war, löste sich auf, der Song zerfiel. In diesem Moment fand alles zusammen. Es schnürte einem die Kehle zu. Unglaublich, diese Gleichzeitigkeit von extremem Schmerz und das Glück, diesen Schmerz empfinden, ihm musikalisch Ausdruck verleihen zu dürfen. Am Ende hebt sich beides auf im Nichts, im bloßen Klang, der keine Empfindung mehr trägt.
Das erinnert an Orpheus, nachdem er Eurydike verloren hat.
Nur, dass es lauter ist. Neil Youngs Album „Arc“ besteht nur aus Rückkopplungen. Der Tod ist hier ein Klang. Der absolute Krach von „Arc“ ist die reine Stille. Wenn ich mir eine Musik für den Himmel vorstellen soll, dann denke ich an sowas. Seitdem Menschen musikalische Erfahrungen machen, sind sie immer wieder an den Punkt gelangt, wo die Lust, die im Schrecken ist, und der Schrecken in der Lust zutage tritt. Beim Hören des Korans haben die schrecklichsten Texte bei den islamischen Mystikern zu den extremsten Reaktionen geführt. Es waren Texte, die den Menschen Furcht eingeflößt haben und gleichzeitig solche, von denen sie vor lauter Schönheit nicht loskamen. Einige sind darüber sogar gestorben.
Hat Neil Young Sie auch getötet?
In gewisser Weise. Er hat mir jedenfalls ein Bewusstsein von der Vergänglichkeit vermittelt, wie man es auch in besonderen Augenblicken der Liebe oder des Sex' empfinden kann. Er selbst hat das in dem Satz zusammengefasst: „The same things that make you live will kill you“.
Das Gespräch führte Kai Müller.