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copyright Züricher Weltwoche/Juli 1996 Züricher Weltwoche

>Wir werden doch alle nur noch verarscht!<

Der amerikanische Rockmusiker Neil Young über das Ende des Songwriting, Live-Konzerte, die Beatles, Pearl Jam und Musicals

Am Tag nach seinem Zürcher Konzert empfing uns der notorisch Pressescheue zum ausgedehnten Interviewtermin in einem Zürcher Hotel: Neil Young (52), der neben Bob Dylan, Paul Simon und Randy Newman längst zu den Klassikern unter den Songwritern der amerikanischen Rockmusik gehört. Und dabei produziert er mit Crazy Horse, seinem «Seniorentreff», keinesfalls «autistisches Schrummeln», wie es ein Berufsjugendlicher des Zürcher «Tages-Anzeigers» gehört haben will, Young gehört zu jenen Altvorderen der Rockmusik, denen es gelingt, mit seinem vitalen Oevre die heutige Szene nachhaltig zu beeinflussen.

Weltwoche: Bei Ihrer laufenden Europatournee gönnen Sie Ihren Fans nur Musik pur. Keine Light-Show, keine Extravaganzen. Sind Sie der Puritaner des Showbiz?

Young: Nicht Puritaner, Purist. Sehen Sie, wir können diese Tourneen nur machen, wenn wir uns ausschliesslich auf die Musik konzentrieren. Es entsteht eine bestimmte Spiritualität, wenn man improvisiert, wenn der Sound anfängt zu vibrieren und einen umgibt - da sind eben nicht vier «heisse» Musiker, sondern ein Sound wichtig. Keiner von uns ist ja wirklich gut - wir haben nur einen Riesenvorrat an Gefühlen. Bei den Konzerten kanalisieren wir diese Gefühle, das ist alles.

Weltwoche: Kein Hochgestühl der Macht bei Konzerten?

Young: Keine Zeit. Wissen Sie, der Sound nimmt für mich eine immer grössere Bedeutung ein. Wir benutzen sehr alte Verstärker und richten die für jede Show neu ein. Nach der Show treffen wir uns mit unserer Mannschaft und besprechen die anstehenden Korrekturen für diese für uns neue Art von Show. Für gewöhnlich spielen wir ja an kleineren Orten, wie zum Beispiel in einer Bar in der Nähe meines Hauses. Wir haben in dieser Bar drei Monate lang geprobt. Imrner zwei, drei Tage pro Woche, manchmal vier, um zwei, drei Sets in einer Nacht zu spielen. Wir spielen jetzt fast dreissig Jahre zusammen, tatsächlich gibt es eine Art telepathischer Beziehung unter uns. Es braucht Zeit, um eine solche Beziehung zu einer Kommunikation reifen zu lassen, die ohne Worte klappt und nicht durch Arrangements.

Weltwoche: Das klingt ziemlich esoterisch.

Young: Blödsinn. Es ist ganz ähnlich, wie die Musiker in der alten Jazz-Ära funktionierten. Wir müssen niemandem mehr etwas beweisen - ausser uns selbst. Wir spielen ausschliesslich für uns selbst. Nur das hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Nur das treibt uns an. Ich kann einfach nicht rausgehen mit grosser Light-Show und dem anderen Firlefanz. Das interessiert mich nicht.

Weltwoche: Wie verkaufen Sie denn Ihre Platten?

Young: Es macht mir nicht den geringsten Spass Promotion für meine Platten zu machen. Wenn ich meine Platten «verkaufen» muss, dann hat es die Musik offensichtlich nicht geschafft, zu kommunizieren. Die Platte ist dann wohl nicht gut genug, um sich selbst zu behaupten. Die Musik selber muss den Unterschied beschreiben. Das ist nicht mein Job.

Weltwoche: Aber immerhin gehen Sie diesmal pünktlich zum Erscheinen der Platte auf Tour.

Young: Zufall. Ich habe das nie zuvor gemacht. Die Plattenfirmen wollen das zwar, aber ich schaffe es nie. Oft genug bin ich noch im Studio, wenn die Tour beginnen soll. Deshalb sind Tourneen schwierig für mich, weil es immer feste Daten gibt, an die ich mich halten muss. Jeder braucht ja diese Verpflichtungen, um auf dem Teppich zu bleiben. Aber im kreativen Prozess mit Crazy Horse versuche ich Verpflichtungen zu vermeiden, damit wir die Dinge tun können, die wir tun wollen, und zwar genau dann, wann es uns passt! Und so muss die Musik auch klingen. Eben nicht so eng strukturiert wie das Leben.

Weltwoche: Das allein erklärt aber nicht ihre Abneigung gegenüber Interviews.

Young: Sehen Sie, der Marketing-Ablauf war ja mal ganz anders: Früher wollten Journalisten mit uns reden, weil sie sich für die Platte, die wir herausgebracht hatten, interessierten. Das hat sich in den achtziger Jahren geändert. Jetzt soll ich plötzlich Interviews geben, nur weil ich eine Platte rausgebe. Ich denke nicht daran .

Weltwoche: Uns geben Sie ein Interview.

Young: Ich wusste gestern nicht mal, ob ich Sie treffen will, ich musste das erst «spüren». Wenn ich jetzt mit Ihnen rede, ist das im übrigen etwas anderes, als mit zehn anonymen Journalisten, die aus ganz Europa anreisen. Jetzt gebe ich nur ein Interview, sitze hier mit Ihnen und führe ein richtiges Gespräch. Aber das zehnmal am Tag? Ich kann das nicht, ich muß es nicht, und ich will es auch nicht! Ich habe jetzt mit Ihnen gesprochen, und wenn sich irgend jemand dafür interessiert, dann soll er halt lesen, was Sie schreiben. Wenn Sie mir die richtigen Fragen stellen, kriegen die Leute die Information, die sie wollen. Wenn nicht, sind Sie der Idiot, nicht ich.

Weltwoche: Tapfer nehmen wir die Herausforderung an.

Young: Prima! Aber im Ernst: Musik verschwindet heute hinter dem Marketing. Nicht nur im Rock, sondern auch zum Beispiel bei den drei Tenören. Die sind ja prima, und sie machen tolle Musik, kein Zweifel. Aber das alles wird ja verkauft wie ein neuer Turnschuh.

Weltwoche: Hören Sie sich etwa diese Musik an?

Young: Manchmal am Radio, wenn ich einen Sender suche.

Weltwoche: Welche Musik suchen Sie am Radio?

Young: Nichts Bestimmtes. Manchmal gefällt mir ein Song oder meiner Frau oder meinen Kindern. Wir haben einen CD-Wechsler zu Hause, der die verschiedenen Nummern mischt. Aber ich muss nicht mehr die aktuelle Musikszene verfolgen. Ich richte meine Hörkapazitäten ganz auf die Sessions, bei denen ich spiele.

Weltwoche: Lassen Sie denn keine anderen Einflüsse mehr zu?

Young: Doch, aber es sind eher Bilder oder Strukturen. Ich sehe ein Konzert eher als ein sich permanent änderndes Material, eher wie eine Sinfonie mit mehreren Sätzen oder wie ein Relief. Wir haben keine Liste mit Nummern, die wir während des Konzertes spielen, wir spielen einfach die Nummern, die wir spielen wollen, in diesem Moment.

Weltwoche: Sprechen Sie auf der Bühne untereinander?

Young: Ja, wenn was schiefgeht.

Weltwoche: Dann brüllen Sie die Band nieder?

Young: Nein. Nur wenn die Musik aggressiv ist, dann kann es vorkommen, dass wir auch untereinander aggressiv werden. Während des Zürcher Konzerts wurde ich vom Bass an der Schläfe getroffen, und da habe ich natürlich geflucht. Es hängt eben immer vom Song ab. Man ist Sklave dessen, was man gerade spielt. Eigentlich wird man wieder zum Kind.

Weltwoche: Bei den Konzerten haben Sie ja auch Spielzeugautos auf den Verstarkem stehen.

Young: Einen 54er Corvette und einen 59er Cadillac. Orientierungspunkte beim Spielen. Ich fühle mich einfach besser damit. Fabelhaft.

Weltwoche: in den achtziger Jahren haben Sie einige ziemlich schwache Alben mit Cotztry- Elektronik- und anderen Versuchen produziert. Wer oder was hat Sie da geritten?

Young: An jedem bestimmten Punkt meines Lebens fühlte ich mich verloren, ich wusste nicht mehr, was ich sagen wollte. Ich weiss noch, dass ich mich in dieser Zeit sehr verschlossen habe. Das, was in mir vorging, wagte ich nicht anzurühren. Ich versteckte es. Vielleicht eine Geschichte für den Psychiater. Inzwischen betrachte ich jedoch diese Zeit wie ein Galerist seine Bilder. Es ist eine Periode, oft genug bin ich überrascht über die Persönlichkeit, die ich darin finde.

Weltwoche: Ihr neues Album heisst «Broken Arrow» nach emem Song den Sie vor dreissig Jahren fier Buffalo Spnngfield geschrieben haben. Leben Sie gern in der Vergangenheit?

Young: Mit Nostalgie hat das nichts zu tun. Jahrelang habe ich versucht, Alben zu machen, die unfertig klingen, mit dem Resultat, dass ich das Authentische und Rohe irgendwie verdünnt habe. Dieses Mal habe ich die Stücke einfach so stehengelassen, wie sie sind, aber ich konnte keinen Titel finden. Ich fragte mich:Was bedeutet dieses Album für mich? Für mich repräsentiert es einfach den Spass, die Offenheit und die Freiheit von Musik, die von Leuten zusamJahren, als ich mit kaum zwanzig «Broken Arrow» schrieb. Ausserdem heisst meine Ranch «Broken Arrow».

Weltwoche: Der amerikanische Crooner Tony Bennett erklärte kürzlich die grosse Zeit des Songwriting für beendet.

Young: Als Songwriter stimme ich ihm nicht zu. Aber ich sehe natürlich, dass Musik heute in erster Linie ein visueller und medialer Sturmangriff ist. Ein Produkt zum Kaufen.

Weltwoche: Aber das ist ja nun nicht neu. Auch Bob Dylan wollte Platten verkaufen. Young: Aber das eigentliche Medium, das die Industrie gehmucht,die Musik nämlich, hat die Tiefe verloren. Es gibt keine «Handarbeit» mehr, nur noch das Produkt. Das ist auch der Unterschied zwischen einem Video und einem 35mm-Film mit einem schönen, satten Analog-Soundtrack. Und weil diese Qualität aufgegeben wurde, tendiert man natürlich zu aggressiveren Strategien, um den Verlust der eigentlichen Qualität zu kompensieren. Heute sind es die Phänomene an der Oberfläche, die einem ins Gesicht schlagen, dafür braucht man nur noch wenig Substanz. Das ist wohl eine der Folgen des digitalen Zeitalters. Wohin das führt, kann ich noch nicht erkennen. Aber irgend etwas Grundsätzliches verändert sich zur Zeit. Ich glaube, dass wir alle verarscht werden! Viele Leute sehen das nicht so. ich sehe das so!

Weltwoche: Also werden mit den Vätern auch die Söhne sterben?

Young: Da bin ich mir nicht so sicher. Es gibt heute viele Bands, die genau jene Energie produzieren, die ich in der Musik so liebe. Seit etwa fünf Jahren sehe ich eine Renessaince der Musik an der Basis, viele Bands, die gut klingen und gut spielen...

Weltwoche: ...Sie sprechen von lokalen Bands. . .

Young: ... Ja. Die konzentrieren sich nicht darauf, Videobands zu sein oder Hits zu produzieren. Die haben ein ganz eigenes Publikum. Diese unbekannten Bands werden vielleicht niemals berühmt. Doch einige dieser unbekannten Gruppen sind schon jetzt besser als die, die man kennt. Exzentrische Qualität kann der Berühmtheit übrigens durchaus im Wege stehen.

Weltwoche: Ist das nicht ein bisschen romantisch?

Young: Finde ich nicht. Teilweise sind die doch so weggetreten, so besessen, dass sie sich nicht dafür interessieren, ob sie nun ein grosses Publikum haben oder nicht. Wirkliche Künstler sind in vielerlei Hinsicht unberechenbar und haben nicht zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Medien.

Weltwoche: Dann muss es Ihnen ja geradezu pervers vorkommen, wenn drei Dinosaurier des Gewerbes mit ihrem toten Kollegen noch mal durch die Hitparaden jammen.

Young: Hm, irgendwie merkwürdig. Man muss wieder mal an die Beatles denken, man möchte die «Beatles-Anthology» haben, es funktioniert also. Übrigens ist es gute Musik, man hört die Stücke und denkt: «Wow! Toll, dass ich das gehört habe!» Und nicht: «Oh, hätten sie es doch besser gelassen!» Ich finde, die drei haben das sehr gut gemacht! Das Resultat spricht für sich selbst. Ich weiss nicht, ob John das gemocht hätte. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Weltwoche: Würden Sie denn noch einmal mit Crosby, Stills and Nash zusammenarbeiten?

Young: Ich will das nicht ausschliessen. Man sollte nie zu weit in die Zukunft planen, aber es gibt Zeiten, da macht es richtig Spass, mit diesen Kerlen zusammenzusitzen und zu spielen. Da entsteht immer noch ein grosser, satter Sound. Es kommt darauf an, woher es kommt, wohin es führt. Wenn wir wieder etwas finden, das uns verbindet, ja, dann kommen wir sicher wieder zusammen .

Weltwoche: Was verbindet denn den «Grossvater des Grunge» noch mit der Generation Pearl Jam?

Young: Die Kids glauben, weil ich Pearl Jam geholfen habe, sei ich der coolste Kerl, der so herumläuft: Wow! Pearl Jam finden diesen Kerl gut!

Weltwoche: Ihre Rente ist also sicher.

Young: So kann man das auch sehen. Aber im Ernst: Crazy Horse sind meine Soulmates, meine Kumpel. Pearl Jam sind neue Freunde, die ich wirklich mag. Mit beiden macht es Spass zu spielen, aber mein Lebenswerk ist mit Crazy Horse verbunden. Aber ich habe den grössten Respekt vor dem, was Pearl Jam machen. Sie haben genauso wie Crazy Horse diese gewisse Spiritualitat. Ich mag das. Wenn man das hat. gibt es keine Grenzen mehr.

Weltwoche: Einige Ihrer Kollegen sprengen andere Grenzen und schreiben Musicals fürs Theater. Pete Townshend, Randy Newman, Tom Waits und kürzlich auch Lou Reed am Hamburger Thalia-Theater. Bei einigen Theaterleuten rangieren Sie als nächster Kandidat ganz oben auf der Wunschliste.

Young: Ich habe gelegentlich darüber nachgedacht, welche Songs sich für Live-Szenen eignen wurden. Aber mir scheint, dass das Theater nur eine Art Ablenkung ist. Iich weiss nicht, ob es «the real thing» für mich wäre. Es ist bestimmt interessant, aber nicht zwingend für mich. Alles, von dem ich spüre, dass ich es möchte, ohne darüber nachdenken zu müssen - das ist es, was ich eigentlich will. Das ist «the real thing». Und zur Zeit will ich mit der Band spielen. Es macht Spass.