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copyright ZDF/April 2003 Achim Zeilmann

"Ich mache mir um einiges Sorgen"

Neil Young im Interview

Achim Zeilmann traf Neil Young in Oslo und sprach mit ihm über seine neuen Songs, seinen Film, seine Tournee und auch über seine Haltung zum Irak-Krieg.


aspekte: Wie ist es, in diesen Tagen ein Amerikaner zu sein?

Young: Tja, ich bin Kanadier. Es ist gut, ein Kanadier zu sein.

aspekte: Ja, aber Sie leben schon sehr lange in den Vereinigten Staaten.

Young: Ich lebe in den Staaten, und es verändert sich einiges in den Staaten. Sie können Ihre eigenen Schlüsse ziehen, worum es da geht. Ich meine, wir sind im Krieg mit diesen Menschen; offenbar mussten wir da hingehen und als erste etwas tun, ohne auf irgend jemand anderen zu warten. Wissen Sie, wäre es meine Entscheidung gewesen, hätte ich anders gehandelt. Aber ich bin nicht verantwortlich.

aspekte: Fühlen Sie so viel Wut? - Jeder, der Ihren Film zu Ihren neuen, Amerika-kritischen Songs sah, hatte den Eindruck, dass dies ihre Rede zur Lage der Nation ist.

Young: Wissen Sie, es gibt da diese Sache, "patriot act" genannt, durch die wir eine Menge von unseren Zivilrechten abgeben - um das Land gegen den Terrorismus und all das zu schützen. Und das war hauptsächlich das Versprechen. Das ist eine große Sache. Einige Leute denken so darüber, andere so ... Manche Leute denken, es ist eine gute Sache; einige zählen die Tage, bis es vorüber ist. Sie meinen, es wäre so eine Vier-Jahres-Geschichte. Es muss wieder erneuert werden nach vier Jahren. Grundsätzlich denke ich, es ist eine spaltende und polarisierende Phase. Das Land ziemlich stark gespalten.

aspekte: Es gibt sehr viel Verschiedenes, dass Sie in Ihrem Film ansprechen - was beunruhigt Sie am stärksten?

Young: Nun, ich mache mir um einiges Sorgen. Hoffentlich beginnen wir, mit den Kulturen als Kulturen umzugehen. Wir müssen verstehen, dass Menschen unterschiedlich sind. Ich weiß nicht, ob wir wirklich verstehen, womit wir es da drüben zu tun haben. Ich denke, Saddam loszuwerden, war eine gute Sache für die irakischen Menschen. Aber die Art, wie es passiert ist - ich weiß nicht, ob es da nicht einen besseren Weg gegeben hätte. Doch wir haben ja keine Chance bekommen ...

Aber wir haben die Geduld verloren. Unsere Führer haben eben die Geduld verloren, um anders zu handeln. Wenn ich darüber nachdenke, was sie denken und wissen - ich meine, ich habe nicht die Informationen, die sie haben oder nicht haben, wie auch immer. Diese Kulturen müssen von ihrer Kultur in Zweifel gezogen werden. Sie müssen versuchen zu realisieren, was geschieht. Ich versuche, das zu tun; und ich denke, das dauert noch einige Monate bis wir sagen können, was da passiert ist.

Die Art, wie die USA und Großbritannien Irak wieder an die Iraker ausgehändigt haben; die Art und Weise, wie das ablief, das ist das Ende des Spieles. Das kann einerseits eine gute Sache, andererseits eine schlechte sein. Es passiert ja gerade jetzt. Ich weiß es wirklich nicht. Ich beobachte nur, wie jeder andere auch.

Niemand mag Krieg. Sicherlich muss man seinen Truppen den Rücken stärken. Ich meine, dass sind doch Kinder, einige erst 19, 20 Jahre alt. Man kann nicht sagen: "Diese Truppen sind schlecht." Sie sind nicht schlecht. Sie tun für ihr Land, was man von ihnen erwartet. Aber die Politik - wissen Sie, ich verstehe sie nicht; ich bin mit ihr nicht einer Meinung. Ich weiß nicht, was ich sagen soll: Ich bin nicht glücklich; fühle mich nicht wohl bei all dem, was geschieht. Ich bin neugierig, was als nächstes passiert.

Möglicherweise können einige unserer Firmen beim Wiederaufbau helfen; denn wir haben die Ressourcen dafür. Aber die arabischen Staaten müssen in den Wiederaufbau des Irak integriert werden - wir können es nicht von außen machen. Wir brauchen die Hilfe der arabischen Gesellschaft, die ihre Kultur versteht.

Die Amerikaner versuchen dieses und jenes. Sie kommen da rein, fallen ein, okkupieren. Wir könnten das alles umkehren, indem wir direkter mit den arabischen Staaten reden würden. Ganz besonders mit denen wir uns am besten verstehen und zu denen wir bereits eine Beziehung haben. Wir müssen versuchen, dass sie die Verantwortung übernehmen, sich zu helfen - anstatt, dass wir ihnen helfen. Ich denke, wenn wir ihnen das geben; wenn wir ihnen so helfen können, werden wir einen wesentlich größeren Erfolg haben.

aspekte: Die Geschichten, die Sie geschrieben haben, heben auch wieder Problematiken, amerikanische Kleinstadtproblematiken hervor. Kleinstadtleute, die uninformiert und unterprivilegiert sind; eine Umwelt, die zerstört wird, und niemanden schert es. Wie wird die amerikanische Öffentlichkeit darauf reagieren, noch präsentieren Sie Ihren Film ja erst in Europa.

Young: Ich weiß nicht, was sie denken werden. Es geht auch nicht darum, was sie denken. Es geht in den Songs, die ich geschrieben habe, um Sachen, die wir erschaffen haben. Ich habe nicht über sie nachgedacht, bevor ich die Lieder schrieb. Sie sind lediglich die Reflektion dessen, was ich fühle und von dem, was um uns herum geschieht. Ich glaube, die jungen Leute, überall auf der Welt, sind vereinigt durch die Umweltbewegung - und ich denke, dass diese Kraft möglicherweise sehr stark werden könnte.

Junge Menschen, auf der ganzen Welt, stehen vereinigt hinter dieser "grünen Idee" - wie etwa den Planeten schützen, aufeinander Acht geben und die Natur nicht zu zerstören. Ich weiß nicht, welche Form das alles annehmen wird. Aber ich bin mir sicher, dass es für die jungen Leute auf der ganzen Welt, zusammen mit dem Internet und den entsprechenden Organisationen, möglich ist, etwas zu erreichen.

aspekte: In den Songs und im Film sind viele Ideen verarbeitet worden, die wir auch schon von früheren Alben kannten - da geht es um Machtmissbrauch, den Schutz des Planeten Erde, Korruption in der Politik - muss dieses Werk als Ihr politisches Manifest angesehen werden?

Young: Eigentlich ist es die persönliche Geschichte einer Familie. Aber das Umfeld, die amerikanische Landschaft - das ist in ihnen; dort leben sie. Also, alles, was sie sehen; die Art wie sie etwas betrachten; selbst die Autos - das ist alles ein Teil davon. Da gibt es vieles, dass ich liebe. Ich liebe eine Menge dieser Dinge. Amerika ist ein großartiges Land. Es ist so jung, aber die Dinge scheinen außer Kontrolle geraten zu sein.

aspekte: Können Sie uns erklären, wie alles begann? Mit Ihren Songs, Ihrem neuen Film?

Young: Es begann vor langer Zeit ...

aspekte: Ich habe gehört, dass es da einen Zeitungsbericht gab, der so sehr Ihre Aufmerksamkeit erregte, dass es von diesem Moment an losging ...

Young: Nein, ich habe einfach mit dem Schreiben angefangen. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Ich habe noch nie zuvor Songs mit Charakteren darin geschrieben. Ich hab einfach ein Lied geschrieben und dachte dann: "Hey, das ist interessant." Und dann schrieb ich eben noch einen Song.

Am ersten Song fand ich spannend, dass es Charaktere mit Namen gab, die sich auch unterhalten. Am nächsten Tag schrieb ich dann ein neues Lied mit denselben Figuren. Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich wirklich, das ist interessant; es ist anders. Ich wusste nicht, was ich tue - es waren die Reflektionen meiner Gedanken. Ich möchte lieber, dass der Film für mich spricht, als dass ich spreche. Denn ich bin als Person wirklich nicht so redegewandt. Die Dinge, die Songs, die ich kreiere und schreibe, sprechen eine viel klarere Sprache als ich. Ich bin keine klare Person. In mir gibt es viele Konflikte.

aspekte: Was ist die Hauptidee, die hinter dem Film steht?

Young: Ich wollte schon seit einigen Jahren mal wieder einen Film drehen. Aber ich hatte keine Idee, die gut genug gewesen wäre, um darüber einen Film zumachen. Doch als ich all diese Songs schrieb, da dachte ich, dass ist doch eine ganze Geschichte. Tja, dann haben wir einfach einige Parts verfilmt, quasi Videoclips gedreht, und dann dachten wir plötzlich: "Warum filmen wir nicht weiter?"

aspekte: Sie wollten also nicht gezielt mit einem neuen Medium experimentieren?

Young: Nein, es gab da keinen Plan. Einmal haben wir direkt nach Drehbuch gearbeitet. Wir haben den Song wie nach einem Script abgefilmt - mit einer 500 Dollar teuren Super-8-Unterwasserkamera, ohne Zoom und Schärfeneinstellung. Wir hatten eine großartige, wundervolle Zeit. Ich weiß nicht, ob ich jetzt einfach so zurück schauen und einfach wieder Alben produzieren kann. Wissen Sie, das ist eine neue Sache für mich, und ich genieße sie. Und ich hoffe, andere Menschen mögen es auch.

aspekte: Ist ständige Veränderung ein Muss für sie?

Young: Das ist der Weg des Lebens. So wie stetige Verwirrung, stetiges Chaos. Ich liebe Amerika, ich liebe es in Amerika zu leben, aber vor manchen Dingen, die wir tun, fürchte ich mich echt zu Tode. Ich bin froh, ein Kanadier zu sein. Da komme ich ja her. Ich wurde in Kanada geboren; keine Ahnung warum. Aber ich wollte in den Vereinigten Staaten leben und hier meine Alben machen. Ich war zu diesem Zeitpunkt auch noch ziemlich jung - 19 Jahre oder so.

aspekte: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten absichtlich vom Mainstream in den "dreckigen Straßengraben" gewechselt - was interessiert Sie dort?

Young: Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich gerade in einem dreckigen Straßengraben befinde (lacht). Das ist ein Bild, das ich vor etwa 30 Jahren beschrieben habe. Ich denke, ich möchte nur nicht das tun, was alle von mir erwarten. Ich will eben nicht so ein "Popstar" sein, der sich ständig nur selbst wiederholt. Ich mache diese Show, und die ist nicht einfach. Aber genauso mag ich es. Es war auch für mich selbst eine Herausforderung, diese Show zu performen. Ich habe all diese Lieder geschrieben. Und jetzt bin wirklich sehr glücklich darüber, dass ich all das habe, dass ich die Songs habe. Ich habe eine Gabe - also, sollte ich da raus gehen und es allen zeigen.

aspekte: Es gab immer wieder Gerüchte, Neil Young würde sich völlig vom Rock 'n' Roll zurückziehen?

Young: Hab ich das wirklich mal gesagt? Vielleicht als ich mal Country-Musik gespielt habe, sagte ich: "Ich werde nie wieder rocken!" Nein, im Ernst, das ist nicht wahr. Das ist schlicht Bockmist.