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| copyright Die Welt/November 2005 Heiko Zwirner |
"Ich kann nicht aufhören"
Er haßt Interviews und liebt sein Land: Gestern wurde Neil Young 60 Jahre alt. Ein erstaunlich entspanntes Gespräch über Patriotismus, seine Gehirnoperation und die Frage, was vom Traum der Hippies geblieben ist
Die Proben für die Aufzeichnung der Show sind gerade zu Ende. Neil Young sitzt in einer fensterlosen Kantine im New Yorker Hauptgebäude des US-Fernsehsenders NBC. Wie an den letzten drei Abenden wird er heute auf der Bühne der Late Night Show von Conan O'Brien stehen, um einen Song aus seinem neuen Album "Prairie Wind" vorzustellen. Doch jetzt ist erst mal Pause. Neil Young, der für seine Abneigung gegenüber Interviews bekannt ist und Journalisten normalerweise aus dem Weg geht, macht einen überaus entspannten Eindruck. Er trinkt Wasser und entkoffeinierten Kaffee. Und hat einen sehr alten Hut auf.
Welt am Sonntag: Mister Young, an Ihrem Hut steckt eine Karte mit dem Aufdruck "Hippie Dream". Soll das ein selbstironisches Statement sein?
Neil Young: Für mich ist es in erster Linie ein schöner Hut. Die Karte ist ein alter Backstage-Paß. Sie steckt dort schon seit Jahren.
Was ist vom Traum der Hippies geblieben?
Young: Ein paar Fetzen, die an einem Stacheldrahtzaun hängen.
Mehr nicht?
Young: Natürlich ist einiges geblieben. Auch wenn viele Hippies später reich und zynisch geworden sind, heißt das noch lange nicht, daß all ihre Ideen falsch waren. Die Umweltbewegung hatte damals ihren Ursprung. Es war das erste Mal, daß ein Bewußtsein dafür entstand, daß die Natur nicht unverwundbar ist und daß es sich lohnt, sie zu schützen.
In diesem Tagen feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Ist es wahr, daß ein Mann mit zunehmendem Alter konservativer wird?
Young: Bezieht sich diese Frage auf meine politischen Ansichten oder auf meine Arbeit als Musiker?
Auf beides.
Young: Dann heißt die Antwort "Nein". Wenn wir über meine Platten und Projekte der letzten Jahre sprechen, dann sind da viele Dinge dabei, die ich nie zuvor getan habe. Je älter ich werde, desto mehr will ich wachsen und Neues ausprobieren.
Andere Rockmusiker in Ihrem Alter beschränken sich darauf, die nostalgischen Bedürfnisse ihrer Fans zu bedienen.
Young: Das versuche ich zu vermeiden. Je mehr sich die Musik ums große Geschäft dreht, desto mehr glauben alle, daß du verpflichtet bist, ihre Erwartungen zu erfüllen. Dagegen trete ich jedes Mal an, wenn ich auf Tour gehe. Ich versuche genau das Gegenteil zu machen: Je mehr das Publikum sich alte Songs wünscht, desto weniger alte Songs spiele ich. Ich bin niemandem etwas schuldig.
Unmittelbar vor den Aufnahmen zu Ihrem neuem Album "Prairie Wind" mußten Sie sich einer Gehirnoperation unterziehen. Ein Blutgerinnsel wurde aus Ihrem Kopf entfernt. Hat sich dieser Eingriff auf Ihre Musik ausgewirkt?
Young: Ich hatte da etwas im Kopf, was raus mußte. Ob und wie das die neuen Songs beeinflußt hat, kann ich nicht sagen, aber natürlich habe ich mir Sorgen gemacht. Auch bei den besten Ärzten weiß man nie, wie eine so schwierige Operation ausgeht. Am schlimmsten war die Vorstellung, mit einer bleibenden Beeinträchtigung aus der Narkose zu erwachen und keine Musik mehr machen zu können. Aber ich habe überlebt, und wenn's nach mir geht, werde ich auch noch eine Weile hier bleiben.
"When God Made Me", der letzte Song auf Ihrem neuen Album, fragt danach, ob Gott sich für die Hautfarbe und die Konfession der Menschen interessiert hat, als er sie schuf. Und ob er an die Kriege gedacht hat, die in seinem Namen geführt werden. Welche Rolle spielt Gott in Ihrem Leben?
Young: Für mich ist Gott schwer zu fassen. Ich bin kein religiöser Mensch. Ich glaube an die Natur und nicht an die Geschichten in der Bibel. Die Bibel ist nur ein Buch, aber viele Amerikaner halten jedes Wort darin für wahr. Der Song handelt davon, wie Gott in unserem Land instrumentalisiert wird. Unser Land wird heute von überzeugten Christen regiert. Sie glauben, daß es nur einen Weg zu Gott gibt, und der soll für alle gelten.
Halten Sie das für gefährlich?
Young: Ja. Die Trennung von Staat und Kirche ist in unserer Verfassung verankert, und diese Trennung löst sich allmählich auf. Zum Glück gibt es viele, die dagegen ankämpfen.
Sie auch?
Young: Ich tue, was ich kann. Ich schreibe Songs und versuche, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Das kann ich am besten.
Auf der einen Seiten kämpfen Sie gegen die Bush-Administration, auf der anderen Seite haben Sie viele patriotische Songs geschrieben. Wie läßt sich das vereinbaren?
Young: Das ist kein Widerspruch. Ich bringe diesem Land und den Menschen, die hier leben, viele gute Gefühle entgegen, aber es gibt eben auch viele Dinge, die mir nicht gefallen. Der Begriff Patriotismus wurde von der Bush-Regierung verzerrt und auf den Kopf gestellt. Auf einmal bist du kein Patriot mehr, weil du nicht ihrer Meinung bist. Das ist ein Haufen Bullshit. Die wissen überhaupt nicht, wovon sie reden.
Was ist Ihre Definition von Patriotismus?
Young: Für mich bedeutet Patriotismus, mein Land so zu lieben, wie es ist. Ich bin stolz auf das, was uns die Natur gegeben hat, und nicht auf den Weg, den dieses Land eingeschlagen hat. Nordamerika ist einer der schönsten Orte auf diesem Planeten. Seine Tiere, seine Pflanzen. Seine Menschen und das Leben, das sie versuchen zu führen, ihren Anstand und ihre Zurückhaltung - darauf kann man stolz sein. Aber nicht auf das großspurige Geschwafel unserer christlichen Politiker. Sie starten regelrechte Kreuzzüge gegen Abtreibung und Schwulenehe, aber vor Problemen wie Umweltverschmutzung und Erderwärmung schließen sie die Augen.
Seit fast zwanzig Jahren gibt es Gerüchte über das Archiv von Neil Young. Es heißt, daß sich Tausende unveröffentlichte Songs darin verbergen. Demnächst wollen Sie Ihre Schatzkiste endlich öffnen.
Young: Ja, der erste Teil soll Ende nächstes Jahr veröffentlicht werden Zunächst kommen fünf CDs mit Studio-Aufnahmen, die zwischen 1963 und 1973 entstanden sind. Dann folgt eine Reihe mit Live-Aufnahmen. Dazu gibt es DVDs mit alten Filmen, Fotos, Manuskripten sowie Zeitungsartikeln und Rezensionen, die ich gesammelt habe, das ganze eingepackt in eine alt aussehende Holzkiste. Das wird ein echtes Liebhaberstück
In den vergangenen 40 Jahren haben Sie fast jedes Jahr ein Album veröffentlicht und noch dazu unzählige Songs aufgenommen, die bisher kaum jemand gehört hat. Was treibt Sie an?
Young: Ich bin so. Warum weiß ich auch nicht. Manche Leute spielen Basketball, ich mache Musik. Ich kann nicht aufhören. Die Musik ist in meinem Kopf. Sie muß raus.
In den 80er Jahren haben Sie viele Fans mit eigenwilligen Experimenten vergrault. Gibt es einen Teil Ihrer Arbeit, den Sie im nachhinein gern eliminieren würden?
Young: Nein. Meine Songs sind meine Kinder. Sie bedeuten mir alle gleich viel. Manche Sachen sind vielleicht zugänglicher als andere, aber es ist nichts dabei, was ich nicht noch mal machen würde.
Eigentlich haben Sie alles erreicht, was ein Musiker erreichen kann.
Young: Das glaube ich nicht. Ich bin noch lange nicht fertig.
Das Gespräch führte Heiko Zwirner.