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| copyright Audio.de/November 2005 Marcel Anders/ms |
Interview
Der ewige Rebell
Trotz seiner 60 Jahre ist Neil Young noch immer für eine Überraschung gut.
Neil Young mag Nashville. Dort nahm er "Prairie Wind" (erschienen bei Reprise/Warner) auf, Teil drei der Trilogie, die einst mit "Harvest" begann und mit "Harvest Moon" weiterging. Im Gespräch in Nashville verriet er AUDIO auch, dass die ewig geplante Archiv-Retrospektive nun tatsächlich startet, mit acht DVDs.
AUDIO: Sie werden am 12. November 60. Ein Grund zum Feiern?
Neil Young: Na ja, das ist schon was Besonderes, oder? In meinem Plan hat die Crew den Termin freigehalten, was mir sagt, dass sie irgendwas vorhaben. Zumal der Tag danach auch noch frei ist – wohl zum Erholen. (lächelt)
AUDIO: Ist das Alter eine angenehme oder eine erschreckende Erfahrung?
Neil Young: Es ist, was es ist – jedenfalls nichts, über das man sich groß sorgen sollte. Du machst weiter, wächst irgendwie noch, selbst mit 60. Ich lerne damit klarzukommen, wer ich bin und was ich tue. Und wie ich meine Kunst noch weiter nach vorn bringe. Ich erkenne, was ich tun kann, wenn ich das passende Werkzeug habe. Das ständige Lernen macht übrigens unglaublich Spaß. Sollte ich mal von meiner Musik gelangweilt sein, werden Sie das nie erfahren – dann spiele ich sie einfach nicht mehr.
AUDIO: Im März hatten Sie eine Gehirn-OP.
Neil Young: Ja, ich hatte ein Aneurysma, eine Fehlfunktion einer Arterie oder Vene im Gehirn. Mein Arzt, ein alter chinesischer Doktor aus New York, meinte: "Damit läufst du schon seit 100 Jahren herum. Wir sollten es nur sofort entfernen, sonst ist es lebensgefährlich."
AUDIO: Hat das Ihre Einstellung zum Leben verändert?
Neil Young: Das war so eine große Sache, dass ich damit gar nicht umzugehen wusste. Also habe ich sie einfach irgendwo im Hinterkopf gelassen, wo sie eh schon war. (lacht)
AUDIO: Tauchen deshalb auf "Prairie Wind" Ihre Kindheit, gute alte Zeiten auf?
Neil Young: Die Themen waren schon da. Sie kommen nur in dieser Situation zum Vorschein. Ich habe etliche Freunde verloren und weiß sehr wohl, dass jeder, den ich kenne, mich eingeschlossen, nicht ewig leben wird. So konzentriere ich mich weniger auf den Blick zurück als auf den nach vorn. Obwohl es nicht schadet, sich ab und zu umzudrehen und zu sehen, wie’s in der Vergangenheit war. Es hilft, sich selbst besser zu verstehen, erleichtert das Weitermachen. Ich denke derzeit sehr viel an meine Familie, daran, wie die Welt früher war. Die heutige Jugend kennt das nicht mehr. Weil die Natur nicht mehr dieselbe ist, gewisse Dinge einfach nicht mehr da sind. Das ist ein riesiger, tragischer Verlust. Deshalb ist es wichtig, sich zu erinnern.
AUDIO: Warum setzen Sie das in Form eines Country-Albums um?
Neil Young: Ich hatte das Gefühl, die Musik führt mich in diese Richtung. Ich tue nur, was die Songs diktieren, und ich nehme sie so auf, wie sie’s verlangen. Der Song ist der Dienst habende Offizier: Er sagt dir, was du tun sollst – ob’s dir gefällt oder nicht. Irgendwie passt das immer.
AUDIO: Klingt, als wäre das Songwriting ein ziemlich mysteriöser Prozess.
Neil Young: Keine Ahnung. Ich versuche nur, offen zu sein. Manchmal lässt alles auf sich warten. Zwischen "Greendale" und "Prairie Wind" gab es zwei Jahre, in denen ich fast nichts geschrieben habe. So ziemlich die längste Schaffenspause, die ich je hatte. "Greendale" war dagegen eine merkwürdige Erfahrung. Es hatte eine Story, Charaktere, ich kam mir vor, als würde ich eher ein Buch als Songs schreiben. Das hat mich sehr verwirrt. Ich fragte mich ständig, was wohl als Nächstes kommt.
AUDIO: Vielen ging es bei "Greendale“ so.
Neil Young: Das habe ich nicht mitbekommen. Aber ich scheine die Leute definitiv verwirrt zu haben, das merke ich … (lacht) Manche haben mich verstanden. Regisseur Jonathan Demme meinte, es sei das Beste, was ich seit langem gemacht hätte. So ging es vielen, die ich sehr respektiere, Schriftstellern, Filmemachern, Leuten, die nichts zu tun haben mit dem Mainstream und diesem verfluchten Musikgeschäft. Sie haben darin etwas gesehen, das eine radikale Abkehr von meinen bisherigen Sachen darstellt.
AUDIO: Was hat sich in Amerika seit den 70er Jahren verändert?
Neil Young: In den 70ern waren wir eine völlig offene Gesellschaft, und jeder konnte sagen und tun, was er wollte. Die Presse war freier, die Leute nicht so engstirnig in dem, was sie glaubten. Aber dieser große religiöse Konflikt jetzt ist das direkte Ergebnis von fundamentalistischem Extremismus. Da haben wir diese Organisation in der arabischen Welt und die politischen und christlichen Fundamentalisten in den USA. Eine fürchterliche Kombination, die Frieden und Verständnis in der Welt blockiert. Gott hat jeden anders geschaffen. Und nicht jeder folgt demselben Weg. Wenn der andere nicht zu dir nach Hause kommt und dich angreift, lass ihn in Ruhe. Kläre deine eigenen Probleme, ehe du dem Rest der Welt erklärst, wie er die seinen zu lösen hat.
AUDIO: Dennoch leben Sie als Kanadier schon seit Jahren in den USA.
Neil Young: Ja, aber ich fühle mich eher als Weltenbürger. Grenzen sind für mich etwas Künstliches – vollkommen irrelevant. Klar, wenn ich meinen Körper von einem Ort zum nächsten bewege, muss ich mich mit Grenzen und Gesetzen beschäftigen, aber im Kopf nehme ich sie nicht wahr.
AUDIO: Liefern Songs Denkanstöße?
Neil Young: Ich schätze schon. Solange sich Leute diese Fragen stellen, ist das die beste Antwort. Denk nach, versuche, nach deinen Vorstellungen zu leben und steh für das ein, wovon du glaubst, dass es richtig ist. Dann werden wir alle glücklicher und zufriedener sein.
AUDIO: Musik ist nicht alles – Sie sind ein Autonarr.
Neil Young: Ich habe um die 35 Fahrzeuge; mein neuester Wagen ist ein Hummer H1, der mit Raps-Öl läuft. Ich bin aber kurz davor, den Fuhrpark zu verkaufen; ich behalte nur die absoluten Lieblingsstücke.
AUDIO: Sie lieben auch Züge ...
Neil Young: Eine große Passion.
AUDIO: Die liegen Ihnen noch mehr am Herzen als Autos?
Neil Young: Stimmt. (lächelt) Ich habe Vorkriegs- und Nachkriegsmodelle, jede Menge neuen Kram, und für den US-Spielzeughersteller Lionel habe ich Elektronik entworfen.
AUDIO: Sie sind dort stiller Teilhaber.
Neil Young: Genau. Für Lionel habe ich ein Kontrollsystem entwickelt, das bald rauskommt. Ein Heidenspaß und eine willkommene Abwechslung.
AUDIO: Klingt, als wären Sie immer noch ein großes Kind.
Neil Young: Unbedingt. Ich will meine grauen Zellen am Laufen halten und denke über Dinge nach, von denen ich eigentlich nichts verstehe. Es ist toll, technische Puzzles zu lösen.
AUDIO: Sie haben einmal gesagt, die Vergangenheit sei ein alter Mantel, den Sie ständig tragen, aber gern loswürden. Gilt das noch?
Neil Young: Das trifft die Sache auf den Kopf. Ich bin dabei, zumindest mal die Taschen zu leeren. Ich werde mich von einer Menge alter Sachen trennen, dadurch wird der Mantel viel leichter.
AUDIO: Immer wieder ist von Archiv-Material die Rede, das Sie seit über zehn Jahren veröffentlichen wollen.
Neil Young: Stimmt, darüber rede ich schon eine ganze Weile. Es erscheint definitiv 2006. Auf DVD, weil die Qualität so gut ist, dass es sich echt lohnt, und es viele Infos dazu gibt. Man kann per Mausklick eine Art virtuellen Archivschrank durchwühlen, jeden Song anspielen und alle relevanten Infos lesen. Damit war ich mehr beschäftigt als mit der Musikauswahl. Und die DVD klingt viel besser.
AUDIO: Wie viel Material wird das sein?
Neil Young: Teil 1 umfasst die Jahre 1963 bis 1973, auf acht DVDs. Ich weiß nicht genau, wie viel davon bisher unveröffentlicht war, aber definitiv mehr als 50 Prozent.