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copyright Die Zeit/August 2003 Thomas Gross

Reporter im Paradies

Väterchen Rost erzählt – Neil Youngs Songzyklus „Greendale“



Mit Youngville verhält es sich ein wenig wie mit Dylanhausen: Viele suchen es, manche wollen es bereits gefunden haben, bloß den Gründer und Ureinwohner scherte das bislang nicht. Wurde das Gedränge um ihn herum zu groß, brach er einfach schweigend zu neuen Ufern auf. Wenn die Gefolgschaft nachrückte, war er längst wieder woanders. Ein Hase-und-Igel-Spiel wie aus dem Westernmärchen.

Neil Young in seiner Paraderolle, das ist nun einmal der rastlose Rocker, der Geis-terfahrer auf dem Human Highway, allein und wortkarg unterwegs durch die Geheimnisse der amerikanischen Nacht. Seit kurzem allerdings weiß man, wo dieser Schatten eines Zeitgenossen seinen Wagen parkt: in Neils Garage, die vor ein paar Wochen im Internet eingerichtet wurde. Und wer dem 58er Chevy – oder ist’s gar ein Studebaker? –, der dort frisch poliert auf Kundschaft wartet, ins rechte Scheinwerferauge klickt, findet sich unversehens in einer kalifornischen Kleinstadt wieder.

Greendale heißt der (fiktive) Ort, an dem es keinen Generationenkonflikt gibt und kein Wohlstandsgefälle, bloß Figuren wie Earl und Edith Green, die mit ihrer Tochter Sun auf einer Farm am Stadtrand leben. Gesellschaft leistet ihnen ein knarziger Grandpa, der sie abends auf der Veranda besuchen kommt. Dass dieser Sympathieträger ersten Ranges nicht von ungefähr an seinen Herrn und Autor erinnert, sagt einiges über den Wertewandel im Hause Young aus – oder nennen wir es zutreffender: Wertekonsolidierung. Nach all den Jahren da draußen gilt die Suche zwar nicht der Mitte, aber einem Plätzchen in pittoresker Randlage.

Greendale, die Saga dazu, ist eine groß angelegte Beschwörung des ländlich-provinziellen Amerika. Sie erstreckt sich nicht nur auf die zehn Songs der gleichnamigen CD und einen Videofilm (der bislang der Veröffentlichung harrt), sondern wird auch im weltweiten Netz weiter gesponnen, wo sich neben einer liebevoll ausgestalteten Landkarte der Ortschaft ein Stammbaum der Familie Green findet (www.neilyoung.com). Pilgrim Fathers sind’s keine, wohl aber allesamt brave Leut, die männlichen Mitglieder Farmer, Fischer und Veteranen sämtlicher patriotischen Kriege, die weiblichen, wenn nicht ohnehin Delfinflüstererinnen oder halb indianische Heilernaturen, mit einer Ader fürs Grüne versehen, die sie vom gewöhnlichen Volk abhebt.

Wacker ist das soweit: ein Idyll vor dem Sündenfall, voller Lichtgestalten und guter Gesinnung – Woodstock lässt grüßen. Selbst das Böse, das hereinbricht ins Hippietopia, ist bloß Anlass für den Triumph einer höheren Moral. Cousin Jeb, fehlgeleiteter Spross der weit verzweigten Familie, bringt im Drogenrausch einen Polizisten um. Reporter fallen ein ins Paradies, suchen Grandpa mit ihren Mikrofonen heim, woraufhin diesen der Schlag trifft. „These people don’t have any respect!“, ruft er noch, dann scheidet er hin, nicht ohne seinen Spirit an Enkelin Sun Green vererbt zu haben. Am Ende zieht sie als Ökokriegerin nach Alaska, um gegen die Machenschaften der Ölkonzerne zu demonstrieren. „We’ve got a job to do, we got to save planet earth!“

Young gestaltet Großväterchens Abschied als Drama eines Unzeitgemäßen, der um sein Recht auf Selbstbestimmung kämpft, doch spätestens beim großen Finale, zu dem selbst Wind und Regen in den Dienst der gerechten Sache treten, ist Greendale ästhetisch verloren. Es liegt nicht so sehr an der Medienkritik mit dem Holzhammer – an die sind wir Tintenpisser und Zeilenschinder von der Presse gewohnt. Auch die geistige Schlichtheit der Gesamtkonstruktion vermag nicht zu entsetzen: Wer Young als einen der letzten Ikonenmaler des Rock schätzt und liebt, weiß, dass edle Einfalt und stille Größe ohne das Risiko des Peinlichen nicht zu haben sind. Nein, es ist weniger der Geist, der gegen das Epos spricht, es ist die Form. Zum ers-ten Mal entpuppt der Prophet sich als erzählerischer Handwerker.

Wer bislang den Worten des heiligen Neil folgte, der wurde zumeist in die Wüste gelockt, wo brennende Dornbüsche Botschaften bereithielten und Steine zu sprechen begannen. Keine gemütliche Gegend, diese Landschaft, halb geistiges Pliozän, halb biblische Einöde, in der man sich verlieren konnte. Den „rückwärts gewandtesten Voranschreiter der Rockmusik“ hat Navid Kermani Young in seiner bemerkenswerten Studie zum Phänomen genannt – einen Mann der Bewusstseinsströme und der jähen Visionen, die von allem Möglichen erzählen, nur nicht von Plätzen, an denen gut sein ist. Everybody knows this is nowhere hieß eine seiner frühen LPs, frei zu übersetzen mit: „Kein Reihenhaus, nirgends.“

Auf Greendale wird daraus der allamerikanische Topos der niedlichen kleinen Stadt, mit Sinn fürs Detail, aber eben auch behäbig wie nie zuvor dahererzählt. „Some day you’ll find what you’re looking for“, singt Young in höchsten Tönen, und die tiefe E-Saite scheppert dazu gemütlich vor sich hin. Auch wenn gelegentlich noch die Gitarren aufheulen, auch wenn die Kumpane der bewährten Begleitband Crazy Horse gewohnt elefantös den Rhythmus stampfen – mit dem Rost im Getriebe der Welt, dem einst eine Hymne gewidmet war, hat das nichts mehr zu tun. Das Werk ist Einkehr bei der Tradition und Glaubensbekenntnis in einem. Motto: Die Welt ist schlecht genug, malen wir sie uns mit den Farben der Utopie etwas schöner.

Immerhin: Man kann die Ankunft auch als Rückkehr unter veränderten Bedingungen verstehen. In den Siebzigern, als Hippies noch nicht ganz so einsam waren auf diesem Planeten, galt die Suche bekanntlich schon einmal dem Herzen aus purem Gold. Im Frühjahr dieses trockenen Sommers, als ein gut gelaunter Young seine Öko-Saga in ausgewählten Konzertarenen vorstellte, fiel seine Message auf unerwartet fruchtbaren Boden. Begeistert applaudierte ein junges Publikum den zehn Bänkelliedern, feierte den Sänger wie einen Übergroßvater, der seinen Erfahrungsschatz weiter vererbt.

Als spirituelle Heimat einsamer Rockwölfe hat Youngville an Attraktivität verloren. Als Zeltlager der Antiglobalisierungsbewegung steht ihm die Zukunft noch bevor.