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| copyright Die Welt/Mai 2003 Peter E. Müller |
Zum Teufel mit Greendale
Dichterlesung mit Gesang: Ein sehr besonderer Abend mit dem großen Erzähler Neil Young
Berlin - Möglicherweise lässt er es sich einfach nicht anmerken. Möglicherweise hat er ja gute Laune. Möglicherweise hat er sogar seinen Spaß. Möglicherweise. Manchen Gesichtern im seit Wochen ausverkauften Berliner Tempodrom ist indes anzumerken, dass sie nicht wirklich ahnten, worauf sie sich da eingelassen haben. "A Very Special Evening with Neil Young - Solo and Acoustic" steht auf dem Ticket. Wer das als Ankündigung für einen Abend mit den größten Hits auslegte, hat schlechte Karten.
Neil Young, der hemdsärmelige Gutmensch mit den so schlichten wie wahren Botschaften, der Rockmusiker, der sich mit seiner Band Crazy Horse so lustvoll in Ekstase lärmen kann, der wertkonservative Hippie mit alttestamentarischem Blick auf Gut und Böse, ist ohne seine Band unterwegs, dafür mit zehn Songs eines noch nicht veröffentlichten Konzeptalbums. Mit Liedern und Geschichten von kleinen Leuten aus einer typischen amerikanischen Kleinstadt.
So wie Stephen King, der Rockstar unter den Mystery-Schriftstellern, sich sein Castle Rock/Maine geschaffen hat, so dachte sich Neil Young nun Greendale/Kalifornien aus. Was im Konzert wirkt wie eine mürrische Dichterlesung mit Gesang ist gleichzeitig auch Vorlage für einen Neil-Young-Film, der im August beim Telluride Film Festival in Colorado Premiere haben soll. Und wie bei Stephen King geht es auch bei Neil Young um den Einbruch des Bösen in eine heile, pastorale Welt. Es sind die Auswüchse einer fortschrittshörigen Zivilisation, die um des Mammons Willen die Umwelt und damit sich selbst zerstört. Es geht um korrupte Polizisten, tödliche Waffen, Machtpolitik, Medienkritik - und um Satan.
Nur - davon eben weiß zunächst kaum einer etwas in der Tempodrom-Arena.
Unter frenetischem Applaus setzt sich Neil Young auf die Bühne. In Jeans, T-Shirt, Jackett. Drei Gitarren umringen ihn. Ein Klavier, ein Flügel, ein Harmonium. Die obligatorischen dicken Kerzen flackern. Der 57-Jährige richtet sich im Dämmerlicht ein wie auf einer von der Abendsonne weichgezeichneten Veranda. Er befeuchtet die Mundharmonika im Wasserglas. Er greift die erste Gitarre. Und fängt einfach an: "Sing a song for freedom, sing a song for love, sing a song for depressed angels, falling from above."
Wir lernen drei Generationen der Familie Green kennen. Gute Menschen, kreative Menschen, einfache Menschen. Die Großeltern haben die große Dürre miterlebt. Die Eltern den "Summer of Love". Die Kinder Jeb und Sun nur noch den Werteverfall der modernen Gesellschaft. Sohn Jeb erschießt zugekifft bei einer Fahrzeugkontrolle den schmierigen Officer Carmichael und landet im Knast. Dort, so erfahren wir, sitzt auch Satan. Als Freigänger. "Der Teufel kann an mehreren Stellen gleichzeitig sein", orakelt der Sänger. Die Medien fallen über Greendale her. Belagern Großvaters Haus. Der ballert mit dem Gewehr in die Luft, fordert sein Recht auf Anonymität ein, stibt an einer Herzattacke. Schluss mit Frieden in Greendale.
Youngs Lieder-Zyklus ist nach dem 11. September entstanden. Und nach seinem patriotisch-brachialen Song "Let's Roll", in dem er sich mit Zeilen wie "Goin' after Satan on the wings of a dove" dem Bösen stellte. "Es gibt viel Krieg heutzutage", sagt er nun fast beiläufig. "Viel zuviel Krieg."
Und dann spinnt er seine Geschichte um die Greens in Greendale zu Ende, indem er Tochter Sun in die Naturschutzgebiete Alaskas schickt, um dort gegen die von der US-Regierung legitimierten Ölbohrungen zu kämpfen. "We got to do a job", singt er, "we got to save Mother Earth". Globalisierung? Nein, Danke.
Einige im Publikum können freilich recht wenig mit dieser so abstrusen wie honorigen Familiensaga anfangen. "Nobody understands you. You're in Germany", ruft es ihm entgegen. "Dann ignoriert doch einfach, was ich sage und hört auf die Musik", kontert Young der Minderheit im Saal. Und spielt weiter. Diesen sentimental mollgefärbten Mix aus Folkblues und Country, über dem diese noch sentimentalere Stimme in höchste Sphären schwebt. Mehr als eineinhalb Stunden lang. Dann ist erst einmal Pause.
Der Rest des Abends bringt dann doch noch einige alte Bekannte. "Expecting To Fly", "Old Man", "Harvest Moon". Und als schon bei Saallicht vehement eingeforderte Zugabe "Heart of Gold". Dieser zweite Akt schien dem letzten großen Hippie des Rock'n'Roll nur lästige Pflicht zu sein. Möglicherweise. Denn sein Anliegen heißt "Greendale". Diese "musikalische Erzählung" ist Neil Youngs Statement zur politischen Lage in Amerika, zu Terror, Angst und Krieg. Konkreter will er nicht werden. "Ist es ein Verbrechen, Böse zu sein?" fragt er. Und gibt salomonisch die Antwort: "Ich weiß es nicht."