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copyright Die Welt/Oktober 2005 Harald Peters

Herzerreißendes Gewimmer


Der Künstler Neil Young existiert bekanntlich in zweifacher Ausführung. Einmal als hemmungsloser Gitarrengniedler, der unwahrscheinlich lange Soli zu spielen weiß, die von seiner Band Crazy Horse in sagenhaften Krach gebettet werden; und dann als grüblerischer Folk- und Countrybarde, der zu luftiger Begleitmusik mit zitternder Stimme ergreifende Geschichten vorträgt. Auf seinem neuen Album zeigt er sich zur Abwechslung mal wieder von seiner melancholischen Seite. Das ist eine gute Nachricht.

Nicht so gute Nachrichten waren es jedoch, die Young in den Zustand der Melancholie versetzten. Sein Vater verstarb vor der Produktion und ihm selbst wurde ein lebensgefährliches, inzwischen allerdings behobenes Problem an der Hirnschlagader diagnostiziert. Obwohl es in dem Eröffnungsstück "Painter" noch "It's a long road behind me / it's along road ahead" heißt, wird im Folgenden vor allem Rückschau gehalten. Young widmet ein Stück den Eltern ("Far From Home") und ein anderes den Kindern ("Here For You"), er meditiert über den Zustand der USA, preist zwischendurch Gott den Herrn und singt auch Elvis Presley ein Lied. Auf dem Cover flattert dazu als Sinnbild für den unaufhaltsamen Gang der Dinge ein frisch gewaschenes Laken an der Leine.

Wie es zu einer ordentlichen Rückschau paßt, hat Young musikalisch auf jedwede Neuerung konsequent verzichtet. Stattdessen hört man die Steel Guitar herzerweichend wimmern und beizeiten auch Gospelchöre irritierend schmettern, die Young mit seinem Katzenjammergesang wie gewohnt in den höchsten Tönen begleitet. Mitunter schafft er es sogar, Erinnerungen an seine frühen Meisterwerke "Harvest" und "After The Goldrush" zu wecken, mit denen dieses Album insgesamt aber nicht mithalten kann.

Aber immerhin ist es um Längen besser geraten, als das Gitarren- und Rückkopplungsgedröhn, auf das sich Young die letzten Jahre spezialisiert hatte. Es geht mit Neil Young also wieder bergauf.