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"Prairie Wind" von Neil Young
Fast 60 und kein bisschen leise: Auf seinem 22. Album fahndet Neil Young nach dem wahren Amerika - und landet in einem Netz aus Lügen, Widersprüchen und frustrierenden Erkenntnissen. Früher war eben doch alles besser.
Dass sich die schwere Gehirnoperation, der er sich Ende März unterziehen musste, auf seine Musik aufwirken würde, war klar. Nur, dass sie sich so auswirkt, ist schon eine echte Überraschung. Denn auf "Prairie Wind" schlägt das Chamäleon Young derart ruhige, introspektive Töne an, dass einem als Hörer Angst und Bange um das Wohlbefinden des kauzigen Dauerbrenners wird. Einerseits wegen dem knarzigen Country- und Roots-Flair, das an kathartische Epen wie "Old Ways" erinnert, und bei aller Authentizität extrem wehleidig wirkt. Eingespielt mit guten alten Freunden aus der C&W-Szene (u.a. Emmylou Harris) intoniert er eine raue Version von uramerikanischer Musik, lässt sich von Fiedel, Banjo, Chor, Piano und den legendären Memphis Horns unterstützen, während er selbst die akustische Laute schlägt und über das goldene Gestern sinniert. Die Zeit, als es noch echte Pioniere, wilde Büffel und eine unbehandelte Natur gab. "Ich denke sehr viel an meine Familie und die Art, wie die Welt früher war. Die Dinge, die mein Großvater und mein Vater gesehen haben, und die ich erlebt habe, als ich ein kleiner Junge war", konstatiert er im Soundfiles-Interview.
"All das kennt die heutige Jugend nicht mehr. Ganz einfach, weil die Natur nicht mehr dieselbe ist. Sie hat sich so verändert, dass gewisse Dinge nicht mehr da sind, und das ist ein riesiger Verlust. Deshalb ist es wichtig, sich daran zu erinnern." Das tut er mit zehn Songs, die so nostalgisch sind, wie sie nur einer schreibt, der angesichts der sozio-politischen Gegenwart fast resigniert. Der sein Lebenswerk nach fünf Dekaden ernsthaft gefährdet sieht und das Land der Musterdemokratie nicht mehr wieder erkennt. Das bringt er deutlich zum Ausdruck: "Wir brauchen einen Präsidenten mit genügend Weitsicht, um unsere aktuellen Probleme zu lösen - und mit genug Verständnis, dass andere Kulturen eine ebensolche Existenzberechtigung haben wie unsere. Wir müssen sie respektieren und einfach in Ruhe lassen. Wir dürfen uns nicht überall einmischen und jedem unseren ideologischen Stempel aufdrücken." Young weiß, wovon er redet. Schließlich ist der 59jährige bekennender Politaktivist, der in den 60ern zu den Speerspitzen der Hippiebewegung zählte, in den 70ern gegen Atomwaffen sang ("No Nukes"), in den 80ern Farm Aid und in den 90ern das Bridge School Festival zur Unterstützung behinderter Kinder initiierte.
Und der immer das Gefühl hatte, dass Meinung etwas bewegt. "In den 70ern waren wir eine völlig offene Gesellschaft, und jeder konnte sagen und tun, was er wollte. Die Presse war freier, Glaubensfragen waren offener, und es gab keinen Djihad. Dieser große religiöse Konflikt, den wir jetzt haben, ist die logische Folge von fundamentalistischem Extremismus in zwei Ländern, zwei Bevölkerungen und zwei Religionen. Beide von ihnen sehr mächtig und sehr extremistisch. Eine fürchterliche Kombination. Je schneller wir die loswerden, desto mehr Chancen haben wir was Frieden und Verständnis in der Welt betrifft." Wobei er selbst sich längst in seine eigene, kleine Welt zurückgezogen hat: Auf eine Ranch in den Bergen von San Francisco, wo er mit seinen drei Kindern und Ehefrau Peggi lebt, Büffel und Pferde züchtet, sowie an Modelleisenbahnen und Oldtimern bastelt. Davon hat er inzwischen 35 Stück, Tendenz steigend. "Ich stehe nun mal auf große amerikanische Autos. Die machen riesigen Spaß, brauchen aber mittlerweile so viel Sprit, dass sie eher was fürs Museum sind. Obwohl: Der schlimmste Benzinschlucker ist mein neuer Hummer. Aber der fährt mit Rapsöl von amerikanischen Farmern. Insofern ist er nicht so umweltschädlich wie Benzin. Auf dem Highway schafft er 70 Meilen pro Stunde, kommt jeden Berg hoch und fährt durch jedes Wasserbett. Genau das, was ich auf meiner Ranch brauche." Und da feiert er am 12. November seinen 60. Geburtstag - im Kreis der Familie, Tiere und Autos. "Das ist schon was Besonderes", lacht er. "In meinem Kalender haben sie den Termin frei gehalten, was mir sagt, dass sie irgendetwas vorhaben. Zumal der Tag danach auch frei ist - wahrscheinlich zur Erholung. Ansonsten ist der 60. Geburtstag nichts, worüber man sich Sorgen machen sollte. Ich mache einfach weiter wie bisher."