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| copyright Die Welt/April 2003 Stefan Krulle |
Die Mona Lisa des Rock'n'Roll
Neil Young tritt im CCH gemeinsam mit einer Holzgitarre und einer Mundharmonika auf
Es begab sich vor ein paar Jahren im Atlantic Hotel zu Hamburg. Dort saßen auf den Sesseln einer großen Suite drei Herren, und der eine war ein Kind, der zweite ein Kerl, der dritte ein cleverer Kauz. Der erste hieß David Crosby und freute sich über seine nagelneue Leber und das schöne Wetter; der zweite hieß Stephen Stills, hatte schon zum Frühstück das Falsche getrunken und nuschelte sich lachend und grölend um seine Reputation; der dritte war Neil Young, sagte sehr wenig, lächelte milde und träumte vom Rock'n'Roll. Mit den beiden, na, eher Kollegen wohl als Freunden hatte er gerade wieder versucht, ihn zu spielen, aber Crosby & Stills waren doch zu alt geworden, hatten keine Lust mehr auf lange Nächte im Studio, und dann gibt's halt am Ende keinen Rock'n'Roll.
Zum Glück steckt Young so schnell nicht auf. Zwei Jahre später oder drei, halt einen Wimpernschlag danach, war der Kanadier wieder mal in Hamburg, diesmal auf der Bühne. Und diesmal schienen die Kollegen weit eher Freunde, sie standen dicht bei Neil und rieben breite Schultern in karierten Hemden aneinander und machten einen Höllenlärm. Hinten auf der Bühne stand ein Ungetüm von Orgel, das vielleicht Schuld war an den hohen Ticketpreisen. Für 100 Mark griff Neil, der Schelm, dann zwar nur ein Mal in die Tasten und bei der Wahl aus seinen Songs des öfteren daneben, toll war es aber trotzdem. Mit Crazy Horse, jenen Pfundskerlen, die Worte wie "Mode" oder "Trend" nicht mal schreiben können, ist Young in seinem Element.
Doch manchmal trügt der Schein. Alle Jubeljahre nämlich erinnert sich Young vage an die obligatorischen zwanzig Minuten, welche er in Konzerten als Solist vor sein Auditorium tritt und alte Lagerfeuerlieder spielt. Manchmal glaubt er dann offenbar, dass größere Kunst von ihm noch nie dargeboten ward, und dann steht plötzlich ein Album wie "Silver & Gold" in den Regalen, und die Fans und Rezensenten müssen sich mit dem aller Zutaten bis hin zum Stromanschluss beraubten Barden herumschlagen. Ist Young mit Holzgitarre und Mundharmonika nun die Essenz oder die verzichtbare Eskapade?
Wie schön, dass der große, alte Mann so inkonsequent bleibt. Sich auf Platten doch irgendwann mit einem Schlagwerker und Bassisten zusammentut, und sei es nur, weil man allein im Studio als Melancholiker zum potenziellen Patienten zu werden droht. Als aber 1989 jener Young, auf dessen Comeback damals selbst treue Fans kaum ihr Monatssalär verwettet hätten, nachdem es Werke wie das beklagenswerte "Trans" gegeben hatte, mit dem Album "Freedom" aus dem eigenen Schatten trat, fasste er den kühnen Entschluss, diese Lieder mutterseelenallein durch die Konzerthallen zu tragen. Wer Young damals in Hamburgs Großer Freiheit bewundern durfte, hünenhaft wie in Trance die Gitarre durch rauchige Luft und hehre Klänge pflügend, konnte nicht anders als in respektvoller Verbeugung vom Ereignis berichten.
Nun steht eine Wiederholung an. Nur der Tatsache natürlich, dass dieser Mr. Young erneut ohne jeden Begleiter vor die Fans tritt. Am Repertoire wird er, so hoffen wir, seitdem doch gearbeitet haben. Zumal die Frage, was er zu Gehör bringen wird und was vor allem nicht, schon seit langem zu den spannendsten Spekulationen vor jedem seiner Konzerte Anlass gibt. Wer dies erfahren möchte, muss heutzutage aber leidensfähig sein. Für das Aufstellen eines Mikrofons und einer Flasche Wasser und sein eigenes Kommen verlangt Neil Young den Besuchern wenigstens 70, für die besseren Plätze bis zu 115 Euro ab. Man könnte nun sagen, das sei nicht viel, sondern zuviel Geld. Aber fragen Sie sich doch einfach mal, wie viel Sie für den Eintritt in den Pariser Louvre zahlen würden, wenn am nächsten Tag die Mona Lisa für immer abgehängt würde, vielleicht. Na also!