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| copyright 3 Sat (Kulturzeit)/März 2002 Sascha Seiler |
Untypisch wie eh und je
Neil Young reagiert mit seinem neuen Album auf den 11. September
Der Aufruhr scheint vorprogrammiert: Das Cover der aktuellen Neil Young-Platte zeigt eine Rose und das Foto von Liebenden, platziert auf einer GI-Uniform. Und das in Verbindung mit der Aussage des Plattentitels "Are You Passionate?": Bist du leidenschaftlich genug, nicht nur für die Liebe, sondern auch für dein Land zu kämpfen?
Passend dazu der bereits im voraus viel diskutierte Song "Let’s Roll“. Klingt nach billiger Rock’n’Roll Metaphorik, ist aber ein Stück über die Passagiere des in Pennsylvania abgestürzten Flugzeugs, die sich am 11. September den Terroristen gestellt haben. "Let’s roll for freedom“, das hat allerdings bislang in keinem Kontext gut geklungen.
Nun war Neil Young noch nie ein typischer Vertreter seiner Generation. Er sprach sich in den späten 70er Jahren für die Atomkraft aus, widmete ihr mit "re-ac-tor“ ein Album und konnte sich ein paar Jahre später sogar für Ronald Reagan begeistern. Während seine Kollegen Crosby, Stills und Nash vom Frieden träumten, sang Young "Helpless“. Und "After the Goldrush“ ist immer noch der süßeste Abgesang auf Love and Peace in den 60ern. Vorboten der Anpassung? Vielleicht ist es eher eine nonkonformistische Haltung, die sich nicht gegen den ausgemachten Feind des Rock’n’Roll, den amerikanischen Konservatismus, richtet, sondern gegen den naiven Glauben, Rockmusik könne die Welt verbessern. In den 90ern kam dann doch die Versöhnung und Young wurde der "Godfather of Grunge“. Er nahm mit "Sleeps With Angels“ eine phantastische Platte auf, besang mit Pearl Jam den "Mirror Ball“ und lieferte die atmosphärische Musik zu Jim Jarmuschs Film "Dead Man“. Und dann driftete er in die Bedeutungslosigkeit ab.
Zu sagen, dass "Are You Passionate?“ eine Rückehr zu alter Stärke ist, wäre leicht übertrieben. Dennoch zeigt das Spätwerk, dass Young es noch immer versteht, den Zuhörer zu fesseln, und selbst das vielgescholtene "Let’s Roll“ ist ein Bluessong der interessanteren Sorte. Neil Young spielte das Werk mir seiner zweiten Band Booker T. and the MGs ein, und man merkt der Platte auch die Dominanz der Orgel von Booker T. an. Vor allem im fast zehnminütigen Jam "She’s a Healer“ wird die Tradition der aus spontanen Eingebungen erwachsenen Instrumental-Stücken aus den 70er Jahren in die Gegenwart gerettet. Das tat Young zwar auch schon auf dem 96er-Werk "Broken Arrow“, doch was damals nach Ideenlosigkeit klang, wirkt auf "Are You Passionate?“ deutlich zielorientierter. Im Song "Goin‘ Home“, der zu den Offenbarungen des Albums gehört, ist er gar mit seiner ersten Band Crazy Horse in einer dieser Gitarrenelegien zu hören, die man etwa von "Zuma“ oder "Raggd Glory“ von Young kennt und liebt.
Zwischen diesen Eckpfeilern befinden sich kleine Stücke, die oft von der Liebe handeln, manchmal etwas belanglos klingen, manchmal aber auch den bittersüßen Tonfall, den man an Youngs Gesang schätzt, schön herausstellen. Zwar kann es kein Stück dieser Platte mit "After the Goldrush“, "Thrasher“ oder gar "On the Beach“ aufnehmen, aber das erwartet wahrscheinlich auch niemand mehr. Letztendlich tritt aber der musikalische Wert des Albums in der Diskussion über Texte, Cover-Artwork und Youngs Aussagen in neuesten Interviews etwas in den Hintergrund. Immerhin wird Neil Young als der erste der großen Rockikonen, die unmittelbar auf die Terroranschläge am 11. September reagiert hat, in die Geschichte eingehen. Und das macht "Are You Passionate?“ zu einer wichtigen Platte - wenn nicht musikalisch, dann wenigstens rockhistorisch.