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| copyright Die Zeit/2001 Christoph Dieckmann |
Alte Büffel
Madonna war noch längst nicht gelandet, da grölten die Berliner Flüstertüten los: HAUPTSTADT IM FIEBER! Wo würde das Gestirn residieren, wo feiern, futtern, shoppen? Edelboutiquer hielten Geschenke bereit, Kreischvolk campierte am Hotel. Hach, und die Show! Wie üblich WAHNSINN!, Tornado der Identitäten, der Star als Geisha im Schottenrock, als heiliges Cowboy-Luder, umrast von Tanztanztanz bis zum Erbrechen - darüber, was die Massenpop-Journaille ihren Allesfressern in die offenen Mäuler kippt.
Unsereins redet gern vom Tod des Pop. Einst Gegenkultur, habe er sich zuschanden gesiegt. Pop sei Establishment geworden, ein flächendeckendes System von repressiver Dominanz ohne irgendeinen anderen Willen als den zum Markt. Madonna ist sein Superlativ. Nicht als Charakter, nur als Produkt hat sie eine Chance, auf dass sich das deutsche Volkslied erfülle: Diese Scheibe ist ein Hit / wann kriegt ihr das endlich mit / diese Scheibe müsst ihr koofen / das is 'ne Scheibe für die Doofen.
Der Mensch Madonna hat übrigens keine Berliner Boutique beehrt, weder In-Disco noch Szenelokal. Sie besuchte die Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen. Nicht mal ein Foto gibt es davon. Das war kein Pop.
Fast zeitgleich mit Madonna kam ihr Gegenteil nach Berlin: Neil Young, der König Nibelung des Rock 'n' Roll, der Heiland der Antipopper. Dazu später; erst gehen wir ins Kino. Young-Fan Jim Jarmusch hat seinem Idol einen Film gewidmet, der vor 20 Jahren selbst Pop-Ereignis gewesen wäre. Aber Rock ist Altsprache geworden, klassische Musik. Year of the Horse heißt Jarmuschs Film; sein Thema ist nicht Young allein, sondern jene Band, die Young seit drei Jahrzehnten periodisch einberuft, um metaphysisch tobende Gitarrenplatten zu fabrizieren: Crazy
Horse.
Jarmusch schleppt die bewährten Hauer einzeln in die Abstellkammer ihres Tour-Hotels und pflanzt sie auf einen Stuhl. Zuerst müssen sie ihre Namen sagen: Jim Molina, Drummer. Billy Talbot, Bass. Manuel Francesco Sampedro, Komödiant, Gitarrist von Crazy Horse. Von Frank »Poncho« Sampedro kriegt der artsy-fartsy New York film director gleich einen Gong: Ob Jarmusch sich einbilde, mit ein paar smarten Fragen 30 Jahre Wahnsinn einzufangen? Dann sitzt der Hauptmann auf dem Stuhl. My name is Neil Young, sagt er mit schiefer Bescheidenheit, Neil Percival Young. I'm the guitar player in the band Crazy Horse, als ob nicht allein Young entscheiden würde, wann die vier musizieren. Und sie spielen Youngs Musik, doch mit einer brachialen Intensität, die ihr Anführer mit Studio-Routiniers nicht erreichen könnte. Crazy Horse sind Neil Youngs Steckdose.
Eigentlich hat Jarmusch gar nicht viel gemacht. Er filmte während der Crazy-Horse-Welttour 1996/97. Er führte die kargen Interviews. Er schnitt älteres Material hinein, beginnend mit einer Sequenz von 1976, in der das blödelnde Quartett am Frühstückstisch eines Glasgower Hotels das Stoffblumenbukett abfackelt: Rock 'n' Roll als Klischee. Man sieht die jungen Pferde in zugedröhnter Backstage-Erschlaffung. Tourbus-Impressionen flackern vorbei. Lungernde Fans krächzen Like a Hurricane. Schweinische Drummer-Witze entzücken, und für Sekunden rollt Mort durchs Bild, der Leichenwagen, in dem Young seine allererste Band kutschierte. Dann wird Geschichte erzählt: Wie Young 1969 in Los Angeles The Rockets kennenlernte, wie er ihnen Molina, Talbot und den Gitarristen Danny Whitten stahl. Wie Whitten - ehedem ein smarter Surfertyp - den Drogen verfiel. Wie er nicht mehr spielen konnte. Wie Young ihn trotzdem zur Session einlud. Whitten pfuschte und wurde entlassen, mit einem Rückflugticket und 50 Dollar, die er in Heroin umsetzte. Am nächsten Tag kam der Anruf: Whitten war tot. Das geschah 1972. Young konnte es nie verwinden.
Wie so viele klassische Rockgeschichten ist auch die von Crazy Horse um ein Gefallenendenkmal gelegt. Danny Whitten und der ähnlich verreckte Roadie Bruce Barry sind für Crazy Horse, was für die Allman Brothers Duane Allman und Berry Oakley waren, Ronnie Van Zant und die Gaines-Geschwister für Lynyrd Skynyrd, Lowell George für Little Feat. Jim Jarmusch genießt den survivors-Mythos der Band, ihr schieres Alter, die farmwäldlerische Schönheit aus Trotz und Kraft, die sich der Regisseur zu Eigen machen möchte. Year of the Horse ist ein Liebesfilm, Welten fern vom Dead Man-Manierismus. 1996 hatte Jarmusch seine durchgeknallte Westernelegie mit Young-Geklampf begrummeln lassen. Danach betraute Young Jarmusch mit dem Dreh eines Videos zu Broken Arrow, woraus dieser Vollfilm entstand. Jarmuschs wichtigste Entscheidung war, in Super 8 zu drehen. Das grobe Korn der schwankenden Bilder fügt sich in Youngs geliebte LoFi-Ästhetik und korrespondiert perfekt mit dem kristallinen Donner der Musik: There's more in the picture than meets the eye ...
Ein Wort zur Musik kommt nicht aus ohne Autors persönliche Young-Parade: 1. Ragged Glory (1990), 2. Weld (live, 1991), 3. On the Beach (1974), 4. Everybody Knows This is Nowhere (1969), 5. Sleeps with Angels (1994). Wie viele Young-Fans halte ich die Computer-Country-Rockabilly-Hervorbringungen seiner Geffen-Jahre (1982 bis 1987) für scheußlich. Aber auch Year of the Horse versammelt (wie das gleichnamige Live-Doppelalbum) zu viele zweitrangige Kompositionen, von Stupid Girl bis Sedan Delivery. Wichtig ist, die Band zu sehen: eine kleine Herde alter Büffel, die sich in der Bühnenmitte aneinander drängen, zu Schutz und Trutz gegen die ganze Welt des Pop. Immer dichter gerät ihre Kunst, immer purer. Was für ein Unterschied zum knäblichen Young des Rust never sleeps-Films von 1979. Und noch 1988 orakelte Young im Rolling Stone, Crazy Horse seien vermutlich Vergangenheit: Musik seiner Jugend. Dann kamen die besten Platten.
Neil Young kann nicht anachronistisch werden, weil die Zeit an ihm gemessen wird, nicht er an der Zeit. Jarmuschs Film ist von 1997. Erst jetzt fand er in Deutschland einen Verleih, aber das macht nichts. In der Berliner Waldbühne spielten Crazy Horse, wie der Film sie zeigt, doch sie orgelten auch Powderfinger und Cortez the Killer und Love and only Love - silberschwarze Hymnen, die uns Graue wieder wissen ließen, dass wir lieben. Und träumen, dass wir bleiben.