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copyright Die Welt/Juni 2001 Holger Kreitling

Dass die Ohren schlackern
Familienzusammenführung mit Jurassic Rock: Neil Young & Crazy Horse im Konzert


Berlin - Rost mag niemals schlafen, wie es in einem Neil-Young-Song heißt, aber gegen Altersschwund ist doch ein Kraut gewachsen, das selbstbewusste Vitalität heißt. Der Kanadier Neil Young erzieht sein Publikum jetzt seit mehr als 30 Jahren zu trotzigen Cowboys, die in zuweilen etwas lässlicher Würde ihre Falten zu Markte tragen. Im Keller der Schweigespirale steht ein Röhrenverstärker und gibt krachende Gitarrentöne von sich. Es war beim Konzert in der Berliner Waldbühne wie in einem Gerhard-Seyfried-Comic: Bärtige Freakadellen aßen vornehmlich Buletten, standen dann brav Schlange um ein Bier. Gut zu Wissen: Ehrliche Menschen rauchen Selbstgedrehte.

Neil Young & Crazy Horse im Konzert, das ist kompromisslose Eigenbrötelei und verwitterter Konservatismus, also etwa Konrad Adenauer. Crazy Horse besteht aus Schlagzeug, Bass, Gitarre, die Pferdeflüsterer begleiten Young seit ewigen Zeiten immer wieder mal - zuerst bei Youngs zweiter LP 1969 -, sie spielen noch im Schlaf ihre Soundkracher herunter, dass den Jungen die Ohren schlackern, die sich artig bedankend auf Neil Young berufen. Kein Wunder, dass es ständig neue Live-Alben mit ihnen gibt - sicher ist sicher.

Auf der großen Bühne stehen mannshohe Indianer-Statuen rum, die dicke Kerzen tragen, dazu ein Klavier und ein Harmonium, alles ist eng zusammengerückt, dass die Akteure ja keinen Platz haben auseinander zu laufen, was sie auch nicht tun. Neil Young, mittlerweile 55 Jahre alt, trägt wie üblich Jeans, ein verwaschenes Holzfällerhemd und Zauselhaare, dazu einen Cowboyhut, der irgendwie anders rüberkommt als letzte Woche bei Madonna. Im Grunde verflucht er das ganze modische Zeug, von seiner eher grauslichen Computerphase in den achtziger Jahren will Young nichts mehr wissen, und die Zuhörer nicken heftig dazu mit den Köpfen. Show? Überflüssig. Vier Betttücher hängen hinten an der Wand, fertig. Irgendwann singt er "Marlon Brando, Pocahontas and me", und das ist schon eine hübsche Trotz-Liga.

Es geht um Familienzusammenführung: Die drei Gitarristen stecken vor dem Schlagzeug die Köpfe zusammen, hüpfen auf und ab, bewegen sich ungelenk wie dicke Kindergartenkinder im Sandkasten. Das Publikum scheint vergessen, die Zeit steht still. So kreisen sie minutenlang um sich, sind sich selbst genug im Krach. Einmal kniet Neil Young am Boden und patscht auf die Gitarre drauf, was schauderlich klingt. Fehlt nur, dass sie wie die Gymnasiasten im "Fliegenden Klassenzimmer" ständig "Eisern!" rufen. Statt dessen knurrt Neil Young "Thanks for coming". Mehr muss gar nicht sein.

Wenn Neil Young sich die akustische Gitarre und die Mundharmonika umschnallt, bricht er sofort die letzten verschlossenen Herzen. Zarte Töne, die von Weite künden, vom flachen Wüstenland, von schneebedeckten Bergen, die man nur mit dem Pferd überwindet. "After The Goldrush" zelebriert Neil Young mit dem Harmonium, eine tief pessimistische Predigt im Puritanerton.

Beim Konzert in Frankfurt soll das verrückte Pferd ein wenig gebockt haben, in Berlin sind sie in bester lauter Laune. Irgendwann macht die Band nurmehr kakofonischen Krach wie im schlimmsten Jazz-Konzert, sie hauen auf ihre Instrumente ein und produzieren so drei, vier Minuten lang einen Hurrikan aus der Endlosschleife, der dann aprupt in "Like a Hurricane" übergeht und die 22 000 beglückten Zuschauer nach stummem Staunen wieder jubeln lässt. Nur Neil Young kommt mit so etwas durch; wir müssen ihn uns als glücklichen Musiker vorstellen.

Zur Zugabe erscheinen die glorreichen Vier Arm in Arm, winken mit Händen als gelte es, eine lang geliebte Tante zu verabschieden. Dann spielen sie "Cortez The Killer", diese wütende Anklage des Kolonialismus, und das ohnehin langsame Lied dehnen sie auf fast eine Viertelstunde. Ganz vorsichtig spielt sich Young in den Song hinein, voller Skrupel vor dem zerbrechlichen Werk, mehrmals droht das Stück zu zerfallen, und doch klingt es traumhaft schön. "They came dancing across the water" ruft er noch einmal und bricht dann ab.

So könnte es ewig gehen. Hey, hey, my, my.