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| copyright Die Welt/Oktober 1999 Stefan Krulle |
Vier Männer und ein Mikro
Lauter ganze Kerle: Crosby, Stills, Nash & Young raufen sich zusammen und singen wieder mehrstimmig
Das Stück, ein kurzer Einakter, war vortrefflich inszeniert und enthielt alle Zutaten, die das Theater liebenswert machen. Drei schöne Rollen, besetzt mit Charakterköpfen anstelle modischer Gesichter. Und dazu jene Mischung aus echter Tragödie und deren urplötzlicher Metamorphose zur laut tönenden Posse, die eigentlich nur das Leben selbst schreiben kann. Das war auch der Fall. Ganz links, so viel nur zum spartanischen Bühnenbild, saß beinahe vornehm ein Mann mit klugem Gesicht. Er war Darsteller nur am Rande und auch nur dann, wenn er als Dramaturg sich zur verbalen Kurskorrektur gezwungen sah.
Dieser Mann heißt Neil Young, und das Stück, welches in weiten Abständen immer wieder umgeschrieben werden muss, ohne je seine Akteure auszutauschen, amüsiert, langweilt und inspiriert ihn zugleich. Weshalb er davon nicht lassen kann. Seit vor ziemlich genau 30 Jahren beim Woodstock-Festival die Uraufführung der hochkarätigen Burleske zu feiern war, verlässt Neil Young seine Mitspieler stets früher als geplant und von denen erwartet oder mindestens doch erhofft. Dann trauern David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash als Trio dem Flüchtling nach, zerbrechen schließlich auch daran und werden zu Solisten. Irgendwann steht dieser kanadische Exzentriker wieder vor der Studiotür, und alle klopfen sich auf die Schultern und knuffen sich mannhaft grinsend in die Rippen.
Jetzt ist es wieder so weit. Crosby, Stills, Nash & Young haben mit "Looking Forward" ihr viertes Album in drei Dekaden aufgenommen, die Kulissen für die Neuaufführung des Klassikers werden gerichtet. Das ist ein bisschen so wie der siebente Fernsehabend mit "Casablanca". Man freut sich aufs Wiedersehen, sucht nach Veränderung. Also richteten sich die Blicke nun beim Interview in Hamburg auf die Gesichter der drei Herren; der mit zwei gebrochenen Beinen noch nicht reisefähige Graham Nash fehlte. Welche Spuren mochte das Leben hier hinterlassen haben?
Der Schrecken hielt sich in fast angenehmen Grenzen. Young sieht aus wie vor zehn oder 20 Jahren: wie ein Wildhüter und Pilzesammler in der Cocktailbar. Crosby, seit dem Erhalt seiner zweiten Leber vor fünf Jahren zwar schlohweiß, aber glücklich genesen gibt den Erzählonkel, der seine Großneffen mit Bonbons besticht. Nur Stills musste jahrelangen Alkoholexzessen nicht nur optischen Tribut zollen; er spricht wie ein betrunkener Texaner nach dem Zahnarztbesuch. So also sieht das aus, wenn 165 Jahre Rockgeschichte auf drei Stühlen sitzen.
Die musikalische Prominenz schon vor Woodstock ist ihnen kaum abzusprechen. Young und Stills spielten mit den Folkrock-Pionieren Buffalo Springfield, Crosby bei den Country-Psychedelikern Byrds, der Brite Nash gründete die Hollies mit. Nur deshalb zunächst waren CSN&Y 1969, wie Cream vor oder Beck, Bogart, Appice nach ihnen eine "Supergroup".
An all die kleinen, nicht immer zufälligen Schritte bis zur Legende wollen sie sich heute nicht mehr erinnern lassen. "Konkurrenten", ereifert sich etwa Stills, "sind Neil und ich nie gewesen, wir fordern uns nicht gegenseitig heraus, wir laden uns ein!" Und wenn 1000 Mal behauptet wird, schon Buffalo Springfield sei an den zwei Kampfhähnen gescheitert, "war es immer nur dummes Geschwätz, uns zum Paar wie Connors und McEnroe zu erklären, wo wir doch auf der gleichen Seite des Netzes stehen." Dann tätschelt Stephen Stills das Knie von Neil Young, und der sagt mit unbewegter Miene: "Wir sind zu alt, um Zeit damit zu vertun, unsere Kräfte zu messen."
Und weil das Stück sich um ein Dreigestirn dreht, kommentiert auch Crosby, der Rhythmusgitarrist, noch rasch und diplomatisch. Er halte Erinnerung für Unsinn. "Wir wissen, was wir getan haben, alle Welt weiß es, es ist langweilig geworden. Und ich kann mich sowieso an nichts erinnern, das vor 1985 passiert ist." Und dann fragt er Stills, wo er denn die schönen Schuhe gekauft hat. Am Airport Heathrow, direkt gegenüber der First Class Lounge, erfahren wir. Auch ein Leben als Rockstar besitzt seine Fixpunkte. Und es hinterlässt Erfahrungen, um nun endlich mal zum neuen Album zu kommen. Das haben die vier über drei Jahre hinweg in verschiedenen Studios aufgenommen, und diese Arbeit sollen wir uns nun so vorstellen wie die lose Abfolge herzlicher Abende unter guten Freunden. "Wir haben Neil unsere Songs vorgespielt", sagt Crosby, "immer nur einen zur Zeit, mehr möchte er nie. Und dann hat er uns seine vorgespielt, einen ganzen Haufen, und wir sollten uns entscheiden und wollten sie alle, aber das ging natürlich nicht."
Am Ende haben sie schweren Herzens ausgemistet und so weiter und so fort. Dann gab es eines Tages das fertige Werk. Dessen Erscheinen verzögerte sich von Monat zu Monat und - halt! Sofort unterbricht Young für das ewige Lamento des Robin Hood im Kampf gegen die Plattenindustrie. "Die erfuhren erst von diesem Album, als wir schon zehn Songs hatten, und dann hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als den Erscheinungstermin festzusetzen. Für ein Ding, das noch gar nicht fertig war."
Young redet sich in Rage. "Und jetzt reden sie von einer Europa-Tour! Aber vielleicht sind wir nächstes Jahr mit Solo-Projekten beschäftigt oder gehen lieber segeln. Dann wird die Tour abgesagt und alle reden wieder vom endgültigen Bruch der Gruppe." So. Musste ja mal gesagt werden.
"Looking Forward" klingt wie aus einem Guss, gar nicht fragmentarisch; die sporadischen Studiosessions haben nicht geschadet. "Wir sperren uns nicht mehr für zwei Wochen in einen Kellerraum", giftet Stills, "das ist nämlich der sicherste Weg, nervös zu werden und sich bald höllisch auf den Geist zu gehen." Eine konzentrierte Arbeitsweise, flüstert Young, habe ja nun auch ihre Vorteile. Zumal unter Freunden. "Diesmal haben wir sogar auf das Mehrspur-Verfahren bei den Stimmen verzichtet und alle vier in ein Mikro gesungen. Dieser ,Blend' ist einmalig, den kann dir auch keiner mehr stehlen und verändern." Auch nicht die Plattenfirma. So wie damals eben, aber das sagt er selbstredend nicht.
Und irgendwie haben wir uns alle nun doch verstrickt, hineingeredet, wieder verguckt in die alten Zeiten, in die Legende. Das stimmt milde und macht unvorsichtig. David Crosby nimmt die Gitarre und erinnert sich an ganz, ganz alte Lieder; Stephen Stills erzählt von der Arbeit an seiner Autobiografie "über die schönsten Momente meines Lebens". Neil Young verspricht ein Solo-Album für den 1. Februar 2000. Er zumindest scheint dabei zu lächeln. Und dann ist der schöne Einakter wieder einmal zu Ende.
Nächste Vorstellung, nach rein statistischer Erhebung, ist im Frühjahr 2007.