Powderfinger
Das Internet gibt einem Musikfan heutzutage wirklich eine Vielzahl von Möglichkeiten an die Hand. Wer sich z.B. schon immer gefragt hat, was hinter diesem oder jenem Song stecken mag, kann sich auf songfacts.com ausreichend Trivialwissen anlesen. Auch wenn i.d.R. keine Quellenangaben zu finden sind, so machen die schlaglichtartig aufgelisteten Punkte doch einen gut recherchierten Eindruck. Zumindest konnte ich bei Songs, über die ich selbst schon ziemlich viel gelesen habe, nichts allzu Abwegiges entdecken.
Immer einen Blick wert sind die Eigeninterpretationen der User. Und hier bin ich letztens auf eine interessante Lesart von Powderfinger gestoßen, nicht nur einer meiner persönlichen Lieblings-Neil Young-Songs, sondern wohl allgemein einer seiner bekanntesten und am meisten beachteten. Hierzu lohnt es sich, die allgemeine Problematik bei der Deutung dieses Stücks kurz zusammenzufassen, die sich in der Diskussion der User auf songfacts.com herauskristallisierte.
Bekanntlich beginnt das Lied mit der Warnung „look out, mama, there’s a white boat comin’ up the river“. Was folgt überhört vermutlich v.a. der deutsche Fan gern, nämlich „with a big red beacon and a flag and a man on the rail“. Zu viele unbekannte Vokabeln, nachschlagen tu’ ich später. Man lässt sich lieber gleich in die Western-Atmosphäre der nachfolgenden Beschreibungen fallen: Einsamkeit, Berge, Jagd, Gewehre. Man stellt sich eine Blockhütte am Fluss vor, in der eine Familie lebt. Der Vater tot oder abgehauen, der eine Bruder jagen in den Bergen, der andere Alkoholiker, die Schwester ertrunken. Harte Zeiten. Dann dieses Schiff, Schießerei, der Protagonist kommt vermutlich am Ende um und bittet den Zuhörer, seine Geliebte zu grüßen. Dazwischen die lyrischen Soli von Neil. Eigentlich erübrigt sich jedes weitere Nachdenken. Das, was man versteht, belohnt den Hörer über Gebühr. Und Crazy Horse rumpeln unvergleichlich.
Dennoch gibt es bei genauerem Hinsehen etliche Stellen im Text, die Anlass zu Spekulation geben. Stirbt der Protagonist wirklich am Schluss? Geht die Flinte nach hinten los oder wird er erschossen? Allein darüber streiten sich die songfacts.com-Forumsmitglieder trefflich. Aber auf diesen Punkt mag ich mich hier gar nicht konzentrieren. Kehren wir lieber an den Anfang zurück. Dieses Boot, über das in der zweiten Zeile berichtet wird – das verwirrt die User am meisten. Denn beacon bedeutet Blinklicht oder Leuchtsignal, und dergleichen gab es im Wilden Westen bekanntlich noch nicht. Gut, es kann auch Leuchtfeuer heißen, aber da die vorwiegend englischsprachigen Forumsmitglieder diese Bedeutung nicht thematisieren, wird sie wenig gebräuchlich und relativ unwahrscheinlich sein. Und selbst wenn Young an ein Feuer gedacht haben mag – folgende Deutung finde ich hervorragend.
Carl aus Arlington im US-Bundesstaat Virginia schreibt:
„I think Powderfinger is an anachronism. It's about a Civil War era guy seeing a modern-day coast guard or police boat heading up the river. The Civil War guy doesn't understand what the boat is about, so he describes it in Civil War era terms (it's got numbers on the side, and a gun, and it's making big waves). The Civil War guy defends his home against the modern-day intrusion, and gets blasted. It's kind of like crossing wires from the modern day and a hundred (plus) years ago. Neil Young does a lot of this kind of thing on this album (for example, Marlon Brando and Pocahontas).“
Seither weiß ich, worum es für mich in Powderfinger gehen soll. Es passt so gut in Neils Weltbild, seine Schilderungen des vormodernen Amerikas und die Themen auf Rust Never Sleeps. Man denke an Thrasher, Ride My Llama, Sail Away und Pocahontas. Auch aus späteren Schaffensperioden lassen sich Beispiele für diesen Erzählkniff Youngs finden, der wohl seinem stream of consciousness-Schreibstil geschuldet ist (Goin’ Home z.B.). Es würde auch erklären, warum Powderfinger nicht schon viel früher erschienen ist, obwohl es schon länger fertig war (s. Lynrd Skynrd): Young wartete vielleicht auf einen passenden Album-Kontext, auf Songs mit ähnlich zeitübergreifenden Motiven.
Natürlich kann man Argumente gegen diese Interpretation finden. Die Story muss z.B. nicht notwendigerweise im Wilden Westen angesiedelt sein. Genauso wenig muss es sich bei dem Schiff um ein modernes handeln (s.o.). Aber vor dem Hintergrund des Albums und Youngs Werk im Allgemeinen ist sie wohl die Schönste. Bezieht Neil seine Songs nicht oft aus Tagträumen? Musste er nicht in den Siebzigern immer wieder aus dem Tourbus aussteigen und einfach durch die weite Landschaft laufen, in seinem Kopf reitende Indianer und Gesänge aus längst vergangener Zeit?
Man kann den Ansatz auch noch weiterdenken und fragen: Sind die Männer auf dem Polizeiboot nicht die Nachkommen der Siedler? Will Neil sagen, der weiße Mann schaufelt sein eigenes Grab? Beweisen kann man es nicht. Aber es steckt in Powderfinger drin, finde ich. Nicht zuletzt in den Gitarrensoli. Und dem unablässigen, triumphalen wie melancholischen Stampfen von Crazy Horse.
Immer einen Blick wert sind die Eigeninterpretationen der User. Und hier bin ich letztens auf eine interessante Lesart von Powderfinger gestoßen, nicht nur einer meiner persönlichen Lieblings-Neil Young-Songs, sondern wohl allgemein einer seiner bekanntesten und am meisten beachteten. Hierzu lohnt es sich, die allgemeine Problematik bei der Deutung dieses Stücks kurz zusammenzufassen, die sich in der Diskussion der User auf songfacts.com herauskristallisierte.
Bekanntlich beginnt das Lied mit der Warnung „look out, mama, there’s a white boat comin’ up the river“. Was folgt überhört vermutlich v.a. der deutsche Fan gern, nämlich „with a big red beacon and a flag and a man on the rail“. Zu viele unbekannte Vokabeln, nachschlagen tu’ ich später. Man lässt sich lieber gleich in die Western-Atmosphäre der nachfolgenden Beschreibungen fallen: Einsamkeit, Berge, Jagd, Gewehre. Man stellt sich eine Blockhütte am Fluss vor, in der eine Familie lebt. Der Vater tot oder abgehauen, der eine Bruder jagen in den Bergen, der andere Alkoholiker, die Schwester ertrunken. Harte Zeiten. Dann dieses Schiff, Schießerei, der Protagonist kommt vermutlich am Ende um und bittet den Zuhörer, seine Geliebte zu grüßen. Dazwischen die lyrischen Soli von Neil. Eigentlich erübrigt sich jedes weitere Nachdenken. Das, was man versteht, belohnt den Hörer über Gebühr. Und Crazy Horse rumpeln unvergleichlich.
Dennoch gibt es bei genauerem Hinsehen etliche Stellen im Text, die Anlass zu Spekulation geben. Stirbt der Protagonist wirklich am Schluss? Geht die Flinte nach hinten los oder wird er erschossen? Allein darüber streiten sich die songfacts.com-Forumsmitglieder trefflich. Aber auf diesen Punkt mag ich mich hier gar nicht konzentrieren. Kehren wir lieber an den Anfang zurück. Dieses Boot, über das in der zweiten Zeile berichtet wird – das verwirrt die User am meisten. Denn beacon bedeutet Blinklicht oder Leuchtsignal, und dergleichen gab es im Wilden Westen bekanntlich noch nicht. Gut, es kann auch Leuchtfeuer heißen, aber da die vorwiegend englischsprachigen Forumsmitglieder diese Bedeutung nicht thematisieren, wird sie wenig gebräuchlich und relativ unwahrscheinlich sein. Und selbst wenn Young an ein Feuer gedacht haben mag – folgende Deutung finde ich hervorragend.
Carl aus Arlington im US-Bundesstaat Virginia schreibt:
„I think Powderfinger is an anachronism. It's about a Civil War era guy seeing a modern-day coast guard or police boat heading up the river. The Civil War guy doesn't understand what the boat is about, so he describes it in Civil War era terms (it's got numbers on the side, and a gun, and it's making big waves). The Civil War guy defends his home against the modern-day intrusion, and gets blasted. It's kind of like crossing wires from the modern day and a hundred (plus) years ago. Neil Young does a lot of this kind of thing on this album (for example, Marlon Brando and Pocahontas).“
Seither weiß ich, worum es für mich in Powderfinger gehen soll. Es passt so gut in Neils Weltbild, seine Schilderungen des vormodernen Amerikas und die Themen auf Rust Never Sleeps. Man denke an Thrasher, Ride My Llama, Sail Away und Pocahontas. Auch aus späteren Schaffensperioden lassen sich Beispiele für diesen Erzählkniff Youngs finden, der wohl seinem stream of consciousness-Schreibstil geschuldet ist (Goin’ Home z.B.). Es würde auch erklären, warum Powderfinger nicht schon viel früher erschienen ist, obwohl es schon länger fertig war (s. Lynrd Skynrd): Young wartete vielleicht auf einen passenden Album-Kontext, auf Songs mit ähnlich zeitübergreifenden Motiven.
Natürlich kann man Argumente gegen diese Interpretation finden. Die Story muss z.B. nicht notwendigerweise im Wilden Westen angesiedelt sein. Genauso wenig muss es sich bei dem Schiff um ein modernes handeln (s.o.). Aber vor dem Hintergrund des Albums und Youngs Werk im Allgemeinen ist sie wohl die Schönste. Bezieht Neil seine Songs nicht oft aus Tagträumen? Musste er nicht in den Siebzigern immer wieder aus dem Tourbus aussteigen und einfach durch die weite Landschaft laufen, in seinem Kopf reitende Indianer und Gesänge aus längst vergangener Zeit?
Man kann den Ansatz auch noch weiterdenken und fragen: Sind die Männer auf dem Polizeiboot nicht die Nachkommen der Siedler? Will Neil sagen, der weiße Mann schaufelt sein eigenes Grab? Beweisen kann man es nicht. Aber es steckt in Powderfinger drin, finde ich. Nicht zuletzt in den Gitarrensoli. Und dem unablässigen, triumphalen wie melancholischen Stampfen von Crazy Horse.
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