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Angry World - Textdiskussion

PostDateIconFreitag, den 01. Oktober 2010 um 22:56 Uhr

Ich will hier ein paar Zeilen über "Angry World" schreiben weil es mich, vor allem beim ersten mal hören, sofort überwältigt hat und sich bei genauerem Hören herausgestellt hat, dass es ein sehr treffendes Bild von der Zeit zeichnet, in der wir Leben.

Das Grundmotiv in dem Song ist für mich eindeutig: Jin und Jang, das vermittelt sogar der Sound: Angry World klingt mächtig wie Gott und gleichzeitig verletzlich wie ein kleines Kind!

Lanois spielt bewusst mit Gegensätzen, denn man hört nicht nur die irre lauten Verstärker, sondern auch das klirren und schnarren der Saiten. Das vermittelt das Gefühl von Intimität, fast so als würde man direkt vor der Gitarre sitzen oder gar selbst spielen!

Daniel Lanoise dekonstruiert den Song. Er zerlegt, verfremdet und akzentuiert.

Er erzeugt dadurch eine Wahnsinnige Stimmung aber Zusammengehalten wird das Lied nur durch Young's klare Stimme, sein Gesang ist so facettenreich: Zweifelnd und doch zutiefst überzeugt im selben Moment!

 

Aber vor allem der Text ist Genial: In wenigen "einfachen" Verszeilen schafft es Neil Young eine ungeheure Menge an komplexen Zusammenhängen abzubilden. Jede Zeile davon enthält mehr Wahrheit als so manche (Politiker) ihr Leben lang von sich geben.

Neils Gitarrenspiel baut eine Epische Gänsehautstimmung auf und er beginnt mit einfühlsamer Stimme zu Singen:

"Some see life as a broken promise"

Sofort kommen mir Menschen in den Sinn, auf die das zutreffen könnte: Der Straßenkehrer, der einmal große träume hatte und jetzt bemerken muss, dass daraus wohl nichts mehr werden wird.

Oder

Ein junger Mensch voller Tatendrang, der glaubt die Welt verändern zu können, aber stattdessen hart auf dem Boden der Realität aufschlägt.

"Some see life as an endless Fight"

Die alleinerziehende Mutter die ums auskommen für sich und ihre Kinder kämpfen muss. Der Obdachlose im Winter der einen warmen Platz zum Schlafen finden muss.

Oder aber

Menschen die ständig unzufrieden sind, obwohl sie mehr als nur das Nötigste haben.

"They think they life in die age of darkness
"They think they life in the age of light"

Dunkelheit und Licht (Jin und Jang )

Die einen sehen nur das Schlechte und sagen: "Wir leben in finsteren Zeiten"

Die anderen sehen nur das Gute und sagen: "Noch nie gab es weniger Kriege, wir leben in goldenen Zeiten"

Und wie immer Liegt die Wahrheit in der Mitte!

"It's an Angry World"

Und dann bringt der Chorus, begleitet von einem Gitarrensound, der wie eine Schlagbohrmaschine klingt, eine weitere Komponente ins Spiel: Den Zorn.

Allgegenwärtig vor allem in den Medien!

Und Neil Beschreibt noch eine andere Art Zorn, für die jeder seine eigenen Gründe hat.

Ihn macht z.B. Zornig wie wir mit der Natur umgehen.

Die Zeile: "But everything is gonna be alright"

am Ende des ersten Chorus könnte ein Ausgleichsversuch für den ins Spiel gebrachten Zorn sein

oder aber

Ein Sinnbildlicher Selbstbetrug, begründet in Bequemlichkeit, Ignoranz, Kleinkariertheit und vermeintlicher Ohnmacht.

Kurz gesagt: Man redet sich ein:"Wird schon werden " ,nur um nichts ändern zu müssen!

Der Zweite Vers beginnt mit:

"Some see life as hope eternal"

Hier denke ich an gläubige Menschen, die Zeitlebens an ein besseres Dasein nach dem Tod hoffen.

Oder

Geistliche die in Gott die ewige Hoffnung gefunden haben

oder aber

Bemerkenswerte Leute die ewig an das gute im Menschen glauben.

Und dem krass gegenübergestellt: die nüchterne, kalte, gefühllose, berechnende Art von anderen!

"Some see life as a Buisnessplan"

Selbstverwirklichung im Beruf auf kosten der eigenen Kinder.

Menschen die ihr Glück in der Karriere suchen.

Aber auch

Eiskalte Unternehmer die Menschliche Existenzgrundlagen (Jobs)zerstören, nur um noch mehr Gewinn herauszukratzen. Menschen werden zu Zahlen. Schicksale zu Kostenfaktoren.

Und dann der Zorn derer die sich nach Gerechtigkeit sehnen und diesen skrupellosen Gestalten gern die Hölle auf den Hals wünschen würden:

"Some wish some will go to hells Inferno for screwing up their life in Freedomland"

Im zweiten Chorus kommen wieder zwei vermeintliche Gegensätze vor:

Der "Buisnessman" und der "Fisherman"

Doch beide leben sie in der selben zornigen Welt.

Plötzlich setzt die Musik aus!

Neil schreit in die Stille:

"And no doubt, everything will go as planed"

Beschwört er hier das Schicksal das angeblich zweifellos seinen Lauf nimmt?

Oder ist es die Überzeugung das es zu einer späten Gerechtigkeit kommen wird?

Oder ein trotziges: wird schon so passieren wie es soll"

Oder etwas anderes?

In jedem Fall ist auch diese letzte Zeile sehr Ambivalent, denn auch die Vorstellung an einen höheren Plan dem alles folgt hat zwei Seiten:

Einerseits ist es tröstlich und andererseits einengend.

Gut und Schlecht

Jin und Jang

 

Freue mich auf euer Feedback zu meiner Analyse!

Lukas Schaffenrath

 

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Kommentare (10)
1 Samstag, den 02. Oktober 2010 um 18:23 Uhr
holm
sehr schön deine analyse, könntest ein buch mit analysen sämtlicher ny-songs rausbringen, wäre sicher abendfüllend.
2 Samstag, den 02. Oktober 2010 um 20:41 Uhr
holm
hab' aber auch noch was am song herumzumäkeln:
dieses angry, angry, angry,... - am anfang gehtsja noch in ordnung, aber hintenraus nervt's! sowas soll er doch madonna überlassen.
3 Samstag, den 02. Oktober 2010 um 20:41 Uhr
Juliane Garstka
Das empfinde ich auch ganz genau so,aber es gilt auch für die anderen Songs! Mir spricht er auch mit Peaceful Valley Boulevard und Rumblin ganz besonders aus der Seele,( wobei aber bei Rumblin leider ein ganzer Teil fehlt, sehr seltsam).Aber endlich spricht mal einer aus,was man die ganze Zeit empfindet!
Bei Peaceful Valley finde ich auch die Arbeit von Daniel Lanois an dem Song besonders gut gelungen, besonders die letzten zwei Verse, das geht mir echt sowas von nahe!!!!Je öfter ich sie hör, um so mehr wird es meine Lieblingsplatte von Neil, hoffentlich macht er noch mehr mit Daniel zusammen
4 Samstag, den 02. Oktober 2010 um 20:43 Uhr
Juliane Garstka
Oops da haben wir gleichzeitig gepostet, mein kommentar bezieht sich auf die Analyse,das ich es genauso empfinde. An dem song hab ich nichts auszusetzen!
5 Samstag, den 02. Oktober 2010 um 20:45 Uhr
Juliane Garstka
@holm: ich versteh da bei der Schleife immer hate me und auf der anderen seite kommt gleichzeitig love... aber vieleicht hab ich mich da verhört?Zuerst war es (Echoschleifen)das woran ich mich gewöhnen mußte,aber jetzt finde ich das gerade gut
6 Samstag, den 02. Oktober 2010 um 21:19 Uhr
holm
hab's extra nochmal angehört - und stimmt: könnte hate me und love heissen. interessant, so betrachtet würde es sich voll ins bild fügen mit dieser jin/jang-geschichte. ich glaube ich muss das album noch bewusster anhören.
7 Sonntag, den 03. Oktober 2010 um 13:51 Uhr
wilhelm kurth
Hoffe das Neil nie mehr etwas mit Lanois macht.Was der teilweise mit den Songs gemacht hat ist einfach Mist.Hitchhiker ist ein wundervoller Song aus den 80gern den Neil mit der Akustik-Gitarre spielte und war so froh das Neil diesen Song endlich rausbringt und Lanois schafft es diesen traumhaften Song zu ruinieren mit seinem ganzen Hall und Krach-Scheiß.Könnte Heulen.
8 Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 10:16 Uhr
Juliane Garstka
naja, das ist halt Geschmackssache, ich kenn die andere Version auch und finde beide Versionen toll!Ich gebe aber zu, ich hab ein großes Herz für Krach....! Find inzwischen daß es eine seiner allerbesten Platten ist!
9 Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 16:05 Uhr
wilhelm kurth
Hallo Juliane, Meine Lieblings-Lp von Neil Young ist Weld.Bekomme nach 20 Jahren noch Gänsehaut wenn ich das Album höre.Habe also auch ein Herz für Krach. Hast natürlich vollkommen Recht wenn du sagst das es eine Geschmackssache ist.
10 Mittwoch, den 06. Oktober 2010 um 12:39 Uhr
Juliane Garstka
ich glaub, wenn man Neil-Young -fan ist, hat man automatisch auch ein herz für Krach, 8-)! aber das mag ich ja gerade an Neil Young, daß er sowohl leise Töne als auch Krach macht und beides sehr überzeugend. Ich hab mich gestern mal bei youtube durch die gesammelten Werke von Daniel Lanois gehört( sehr beeindruckend, auch die Bandbreite, hatte vorher nur die "Acadie " von ihm im Plattenschrank) und finde es eigentlich ziemlich genial, wie er die Neil Aufnahmen bearbeitet hat= es ist immer noch Neil Young pur und doch ganz anders auch wieder.
@wilhelm, vieleicht hörst Du Dich ja noch ein, ich mußte z.B. Angry World auch erst zweimal hören, ehe (umso nachhaltiger) der Suchtfaktor einsetzte.
Und vielleicht bringt Neil ja auch noch die Akkustikversion mal raus, z.B innerhalb von archives -Veröffentlichungen o.ä.!
Übrigens hab ich bei der Gelegenheit noch festgestellt, was Daniel Lanois alles aus einer Pedal steel guitar rauszaubert.
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yvComment v.1.19.1
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