Neil Young

neilyoung

Neil Young in Amsterdam am 20.02.08
 
Ein Bericht von Albert! Fotos von Albert und Wolfgang!
Es ist Mittwoch der 20.02.08, 6.30Uhr. Der Tag beginnt ohne "magic in the air" (Ambulance Blues). 
Bevor meine Frau Sandra und ich endlich ins Rai nach Amsterdam fahren können muß ich noch ins Büro und Tagesgeschäfte erledigen. Viel lieber wären wir auch schon früh losgefahren um noch einen kleinen Bummel durch Amsterdam machen zu können.
Du schöne Stadt in Holland, wie gerne hätten wir dich mal wieder entdeckt!
Es ist geplant, daß meine Nichte Julia uns um ca. 15.30 Uhr zu Hause auf Schloss Hülchrath ablöst, um auf unsere beiden jüngsten Mädchen aufzupassen während wir einen Abend mit Neil in Amsterdam erleben dürfen.
Endlich komme ich um 15.00 Uhr aus dem Büro und düse nach Hause. Keine Julia da als ich 15.30 Uhr ankomme. Naja, kommt schon noch. Sie ist immer sehr zuverlässig. So gegen 16.00 Uhr wird Albert unruhig. Ich laufe wie ein Tiger über den Schlosshof. Eine Viertelstunde später habe ich Ersatz für Julia angeheuert und wir können endlich losfahren. Wo bleibt sie bloß hoffentlich ist nichts passiert. An der Ausfahrt kommt Sie uns entgegen. Scheibe runter, ein hochroter Kopf schaut mich an. Ich glaube mein Blick hat sie in diesem Augenblick in Angst und Schrecken versetzt: "Albert kommt zu spät zum Neil Young Konzert, und ich bin Schuld, das verzeiht der mir nie!" Das dachte sie bestimmt, aber ich bin nur froh, dass sie heil nach Hause gekommen ist.
Endlich sind wir auf der Strasse nach Westen. 250 km liegen vor uns und die Strassen sind relativ frei, so daß wir pünktlich um 19.00 Uhr am RAI ankommen.
Wir waren noch nie in diesem Theater und suchen den Eingang. Erst nach einer Runde um den Block finden wir ihn hinter einer Baustelle. Um 19.20 Uhr betreten wir das Foyer des 70er-Jahre Gebäudes und die süßen Klänge von Old Man, gesungen von einer Frauenstimme, mit Bongos begleitet schweben uns entgegen. Etwa 200 Fans warteten hier auf das Öffnen der Saaltüren. Hm, denke ich 1700 Leute und ausverkauft. Das sieht normalerweise aber 40 Minuten vor Konzertbeginn anders aus. Die Fans sind alle um die 40 -50 Jahre; hier und da ein paar Jüngere, aber das sind Kinder von Eltern die auch hier sind. Diese Preise können sich die Kids nicht leisten, das war klar. Parken 10 €, T-Shirt 30 €, Sekt und Heineken 12,50 €, vom Ticketpreis ganz zu Schweigen. "Klatsch und weg", sagen wir immer dazu.

19.35 Uhr öffnete der Saal und ich sehe das erst Mal die Bühne. Da stehen sie, die mir in all den Jahren so vertraut gewordenen Relikte, welche Neil treu immer wieder um die Welt schleppt. Harmonium und Holzindianer jeweils ganz außen in sanftes Licht getaucht. Der Orgelvogel, den Poncho immer bei Like A Hurricane von der Decke schweben lässt. Die wunderschöne Tweed-Sammlung der Fenderverstärker von Neil. Viel zu viele um sie alle spielen zu können. Aber man weiß ja nie welches Teil gerade bei einem Konzert den Geist aufgibt. Da hat Larry vorgesorgt und hat immer Ersatz parat. Ein Plateaustiefel ist auch noch von der Tonights The Night Show übrig geblieben. Die Hardcorefans sammeln sich vor der Bühne und registrieren und kommentieren jedes Detail. Alles wird bestaunt und förmlich aufgesogen.
Ich mache mich mit Sandra auf um den Balkon zu erreichen. Dort haben wir Platzkarten.
Mein erstes Neilkonzert im Sitzen!
Albert, Du wirst älter. Meine Frau Sandra freut sich. Neil im Sitzen, ganz nah.
Auf dem Balkon angekommen kann man das ganze Bühnenkonzept erst recht wahrnehmen. Da es sich um ein Theater handelt ist das Bühnenhaus sehr tief. Neil hat es komplett ausgenutzt. Man hatte den Eindruck als schaue man auf eine amerikanische Skylineszene und im Vordergrund spielte die Band in einem hoch eingezäunten Basketballfeld. Neil hatte sämtliche Flightcases im hinteren Bereich übereinander aufgestapelt und mit Licht effektvoll in Szene gesetzt. Es wirkte wie Hochhäuser im Hintergrund. Mit großem Abstand davor war ein hohes Gitter quer über die Bühne gebaut, an dem bunte Leuchtbuchstaben und Leuchtzahlen hingen. Die Buchstaben- und Zahlenfolge ergab aber noch überhaupt keinen Sinn. Naja, warten wir ab was damit passiert. Davor standen Staffeleien und jede Menge fertiger - oder halbfertiger Ölgemälde. Ich bezeichne sie mal als extrem grobformatige, naive Malerei, sehr farbintensiv. Dann ein weiterer Gang und die eigentliche Bandbühne begann. Schlagzeugsockel, Vibraphonsockel und Chorsockel waren leicht erhöht. Der riesige Ventilator drehte sich leicht und bewegte eine Piratenflagge leicht hin und her. Eine kleine Blume klebt an einem Stuhl. Überall kleine liebevolle Details. Nichts war zufällig, das konnte man erahnen. Neil braucht halt diese besondere Atmosphäre, wo alles an seinem Platz ist, auch wenn es unnütz erscheint.
Der Hinweis, dass nicht gefilmt, geknipst und mitgeschnitten darf wird überall beschrieben und auch verkündet. Trotzdem, ich will mein Foto aber ohne zu stören. Also habe ich meine Lieblingskamera ohne Blitz eingepackt. Ein Riesenteil, aber ich konnte nicht widerstehen.
Kaum habe ich 3 Fotos geschossen, steht ein perfekt gekleideter Ordner, black Man neben mir und informiert mich nochmals persönlich und ganz freundlich über die "Rules".
Um es Vorweg zu nehmen: mein Blick ließ ihn weich werden und er erlaubt mir ohne Blitz (hatte ich eh nicht) weiterzumachen. Da läuft der Motor heiß und ich schieße was dass Zeug hält, ganz unauffällig. Im Übrigen muß ich sagen, dass die ganzen Handyblitzer wirklich an diesem Abend nervten. Camcorder, soweit das Auge reicht. Zu den Zwischenrufern und Bühnenstürmer komme ich später noch.

Ich hatte extra meine Brille mitgebracht um auch ja nichts zu verpassen und vor Allem um das Kleingedruckte wie Platznummer usw. auf meiner Eintrittskarte lesen zu können. Alles sollte gut vorbereitet sein um diesen Abend genießen zu können.
Schnell habe ich unsere Plätze ausgemacht und leitet meine Frau zu unseren Stühlen. Die Leute hinter mir konnten mal wieder nichts sehen, aber ich kann es auch nicht ändern, dass ich 2m groß bin. Also war wieder ducken angesagt.

Kurz nach 20.00 Uhr kam Pegi mit Band. Mittlerweile sind zwar schon mehr als die angesprochenen 200 Leute da, aber es sitzt noch längst nicht jeder auf seinem Platz. Während der 45 Minuten in denen Pegi ihren Set spielt, geht es geschäftig auf den Rängen des Balkons weiter. Leute kommen und gehen. Aufstehen, Hinsetzen, Aufstehen, Hinsetzen. Lachen, Reden usw.. Soviel Rücksichtslosigkeit, meine Frau und ich schauen uns fragend an.
Für alle Modeinteressierten: Pegi trug bei ihrem Set ein kurzes, kniefreies, dunkelblaues Kleid mit riesigen gelbweißem Blumenmuster. Schwarze Strumpfhosen mit hohen schwarzen Stiefeln und schwarzer Strickjacke. Wieder schaut mich Sandra staunend an. Nun ja, sag ich, so ist sie nun mal. Als sie dann aber während des Sets und zwischen den Songs rumalbert und kichert habe ich für die weiteren Blicke meiner Frau auch keine Entschuldigungen für Pegi parat. Die Zuschauer haben jedenfalls kein besonderes Interesse an ihren Liedern und klatschen immer brav und quatschen immer weiter.
Ich mag ihre Stimme und als "Backvocal" weiß ich sie zu schätzen.
Kurz vor Beendigung ihres Auftritts wird es ernst. Neben unseren Plätzen sind noch zwei weitere unbesetzt, wie gesagt. Es waren noch nicht alle Leute an ihrem Platz.
Die Zugangstür geht auf und ein Mann kommt zu uns. schaut auf die Reihennummern und nimmt die 2 Plätze neben uns in Beschlag. Eine Frau folgt ihm ganz aufgeregt (nach dem Motto, wir sind zu spät) und ruft, "das müssen vier Plätze sein". Sandra und ich schauen uns wieder an. "Scheiße" (Entschuldigung), denke ich, falsche Plätze??? Sandra sagt, "wie peinlich Albert". Mittlerweile stehen 4 Leute vor uns und wir schauen nur unschuldig aus der Wäsche. So schnell wie sie gekommen sind, rauschen sie, die Frau heult schon, auch wieder ab. Ich hole die Karten und die Brille noch mal raus und sehe, ganz winzig den feinen Unterschied: Anstatt BA 8 1 und 2 haben wir BB 8 1 und 2.
Pegi hat mittlerweile aufgehört und das Licht im Saal geht wieder an. Kurze Umbaupause, Sandra und Albert nehmen nun endlich "ihre" Plätze ein.

Auf der Bühne war während Pegis Auftritt alles recht spartanisch ausgeleuchtet. Diese Bühne war nicht für ihre Musik geschaffen. Der Teppich den sie auf den Neilschen Noppenboden ausbreiten ließ wird wieder eingerollt. Der Teufel von Greendale malt emsig. Die Spots gehen auf die einzelnen Segmente der Bühne und das Bild liegt klar vor dem Zuschauer.
Larry kommt und bringt die Gitarren. Vorsichtig wie kleine Heiligtümer reiht er sie im Kreis um einen Stuhl auf. Zentimeterweise sucht er die genaue Position jedes einzelnen Teils. Er weiß genau wie der Chef drauf kommt wenn es nicht stimmt an seinem Arbeitsplatz. Dann geht das Saallicht aus und die Bühne wird konzentriert in strahlendem Weiß auf das Gitarrenrondell ausgeleuchtet. Neil, in seinem hellen Used-Anzug (Malerkleckse überall) betritt die Bühne. Die Menge tobt. Er geht sofort zu den Akustik`s und beginnt From Hank to Hendrix.
Schlagartig wird mir wieder bewusst was ich lange nicht mehr gespürt habe. Diesen kraftvollen Sound in seiner Stimme und auf der Gitarre bringt nur er. Messerscharfe Intonation immer abwechselungsreich (er ist 62 und kommt auch nicht mehr sooo hoch) gesungen und gespielt, zeichnen diesen meinen Helden aus. Sandra strahlt. Sie klagte den ganzen Abend über Kopfschmerzen, jetzt sind sie weg. Kein Witz, Dr. Young hat Sprechstunde heute Abend und jedem wird hier geholfen. Bei Ambulance Blues bin ich dann schon völlig zu Hause. Diese Harp klingt wie ein Saxophon, so bluesig, so satt.
Die Ablausphasen passen nicht hierher, das wird uns klar. Neil spielt hier ein Lied, führt hier einen, praktisch in sich kompletten Film seines Lebens und seiner momentanen Gefühle auf. Der Akustikpart besteht aus dem Song und aus seiner Präsentation der Auswahl, wie er ihn angehen will. Neil geht auf eine Gitarre zu, zupft dran, nimmt eine andere und hört schon innerlich wie es weitergeht um sich dann zu entscheiden. Oder er geht zum Popart-Flügel, schlägt ihn an, geht wieder zurück kommt wieder her und findet A Man Needs A Maid. Abwechselnd mit aufgesattelter Orgel für die Streichparts bietet er eine eindrucksvolle Darbietung dieses Stückes. Sandra jauchzt leise neben mir. Die Maid von Neil verlässt den Saal, die Zuschauer klatschen wieder, Sandra bekommt wieder Kopfschmerzen und sehnt Neils Spiel und Gesang wieder herbei.
Jetzt kommen die ersten Zwischenrufer. Der erste heißt Neil herzlich in Amsterdam willkommen, nach all den Jahren. Neil bedankt sich artig und die Menge lacht. Sie lachte eigentlich immer wenn er was sagte, auch wenn es nicht zum Lachen war. Einige betrunkene Zuschauer fallen auf. Neil behält aber seine Fassung und ignoriert es indem er einfach weiterspielt.
Der Teufel malt unterdessen an den Bildern wie besessen. Stellt dann eins weg um ein anderes Bild weiter zu malen oder neu zu beginnen. Jeder Song wird durch ein Bild mit Songtitel vorne an die Bühne auf eine Staffelei gestellt.

Sandra genießt den Akustikpart besonders. Albert denkt darüber nach, die eigene Musiksache zu beenden. Neil ist und bleibt zu gut. Wie dilettantisch müssen doch alle Coverversuche scheitern. Das ist sein Ding, das kann man nicht nachmachen. Meine einzige Chance bleibt die kümmerliche Eigeninterpretation.
Meine Frau sagt: "Mach` weiter".
Viel zu schnell geht der Akustikset zu Ende und nach kurzer Umbauphase steht Neil plötzlich mit seinen bekannten Mitstreitern beim Teufel an der Staffelei und schaut sich die Bilder an. Mittlerweile ist er in Schwarz gekleidet (Used natürlich) und auch seine Frau Pegi trägt komplett schwarz.
Die Jungs, Rick, Anthony, Ralph und Ben tragen normal Hemd und Jeans. Alle im Übrigen sehr ruhig und ausgeglichen auf der Bühne. Nur Dr. Young quält, auch durch Körpergestik jeden Ton bis aufs Letzte aus seinem Körper heraus.
Nachdem sich Neil die Bilder angesehen hat betritt er wieder den vorderen Bereich der Bühne und die Band spielt knackig aus allen Röhren. Phasenweise ist er nicht mehr im Raum sondern beschäftigt sich, während er die E-Gitarre bearbeitet, mit dem Licht eines riesigen Scheinwerfers. Ja er unterhält sich praktisch mit ihm. Geht auf ihn singend zu, wendet sich ab, dreht sich plötzlich wieder um und singt ihn, den Scheinwerfer an.
Plötzlich Hektik beim Gitarrentechniker von Ben Keith. Da tritt der alte ruhige Haudegen doch auf sein Gitarrenkabel und flugs landet es auf den Bühnenboden. Merkt der aber gar nicht und spielt weiter. Neil guckt aus dem Augenwinkel und da stürmt der Techniker auch schon herbei und stöpselt ihn wieder an. Also Gitarrenfreunde, so was passiert auch den Profis. (Ich kenn da eine tolle Geschichte vom jungen Mr. Young, lach).

Nun ja, wie soll ich sagen, etwas unkonzentriert ist auch Pegi. Auf einmal stürmt sie schnell auf ihre kleine Bühne, weil sie den Gesangseinsatz verschwitzt hat, ein zweites Mal muß Neil sie freundlich bitten am Vibraphon Platz zu nehmen, weil sie dort ihren Einsatz hat.
Die Farben der Bilder vom Teufel passen jetzt perfekt zur Bühnenausleuchtung. Jede Szene (Song) hat ein Farbkonzentrationsthema und ich würde einiges dafür geben dieses Gesamtkunstwerk ohne jede Unterbrechung durch Applaus oder Zwischenrufe noch einmal erleben zu dürfen. Einfach nur das Geschehen auf der Bühne und den Sound beobachten und hören!
Die Leuchtbuchstaben leuchten plötzlich auf, aber nur 4 - sind hell und rot:

N E I L

Die Zeit geht zu schnell dahin. Neil macht noch 2 Zugaben, dann verlassen wir den Balkon und gehen nach unten. Er kommt nochmals heraus mit einem dicken Mann, verkleidet wie aus 1000 und 1er Nacht. Er schlägt im Rhythmus einen riesigen Gong.
Wir hören das erste Mal Sultan, und dann ist Schluss.

Das Licht geht an und wir tauchen in eine andere Wirklichkeit ein. Schade, Schade, Schade. Das denke ich und schaue noch verträumt auf die Bühne. Ein Fan klettert hoch, flink wie ein Wiesel hat er es auf Souvenirs abgesehen und will Neil beklauen. Ich bin noch viel zu "Youngstoned" um das zu bewerten. Erst später denke ich: "Asshole".
Er wird energisch von der Bühne geworfen. "Mein Mann" ist es, der perfekt gekleidete Ordner, black Man, good Man. Neil hat Profis da oben, unauffällig, nett und trotzdem da wenn es ernst wird.
Sandra und ich trotten zum Auto.
Mein Autokennzeichen ist noch dran: NE-IL-1003. Schon bei unserer Ankunft zeigten einige Fans gierig darauf. Wir gehen auf die Strasse nach Osten. Der klare Vollmond wird langsam gelb. Ich denke an Rainer, stelle den Tempomat auf 140 und fliege mit meiner Frau nach Hause. Langsam kommen wir an.

Blue, blue windows behind the stars,
Yellow moon on the rise,


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